Wirklich weiter hilft mir das aber auch nicht immer. Zum Beispiel bei der Definition von Zebrastreifen:
"Der Zebrastreifen taucht in internationalen Vereinbarungen erstmals in dem am 19. September 1949 in Genf unterzeichneten Protokoll über Straßenverkehrszeichen auf. Die Konferenz der Vereinten Nationen über Straßen- und Automobilverkehr fand in der Zeit vom 23. August bis zum 19. September 1949 statt und endete mit der Unterzeichnung eines Abkommens über den Straßenverkehr und eines Protokolls über Straßenverkehrszeichen."
Ja, super. Und nun?
In China ist ein Zebrastreifen aus Sicht des Fußgängers ungefähr so viel wert wie eine Ein-Euro-Münze. Nett anzuschauen zwar, aber ich bekomme nichts dafür, und ich kann auch niemanden dafür belangen, dass ich nichts dafür bekomme, denn wir sind ja hier in China, und da bezahlt man anders. Ein Zebrastreifen hat in China sozusagen keinen Gegenwert, jedenfalls keinen für mich als Ausländer irgendwie messbaren.
Wenn ein chinesischer Mensch in China an einen Zebrastreifen tritt, im Vorhaben, die Straße zu überqueren, dann schaut er nach links (in China herrscht Rechtsverkehr) und dann noch mal nach links, und dann noch mal nach rechts - und das dann immer und immer wieder, so lange, bis einfach kein Auto mehr kommt. Wie gesagt, er steht immer noch an einem Zebrastreifen, aber er denkt dabei mitnichten an den Paragraph 26 der deutschen Straßenverkehrsordnung, der da sagt: "An Fußgängerüberwegen haben Fahrzeuge den Fußgängern, welche den Überweg erkennbar benutzen wollen, das Überqueren der Fahrbahn zu ermöglichen. Dann dürfen sie nur mit mäßiger Geschwindigkeit heranfahren; wenn nötig, müssen sie warten." Nein nein, er denkt vielmehr: "Ich habe Frau und Kind (leider nur eines und dann auch noch ein Mädchen, aber immer noch besser als gar keins), also warte ich, bis die Luft rein ist." Denn der chinesische Fußgänger weiß, dass die Chancen, am Abend mit dem zweitliebsten Kind der Welt gemeinsam am Tisch zu sitzen, ins Unermessliche steigen, wenn er nicht auf sein "Recht" pocht und einfach auf einem Zebrastreifen die Straße überquert, ohne der anderen Verkehrsteilnehmer (Autos) zu gedenken.
Ich hingegen mache das. Ich bin nämlich Deutscher. Vielleicht nicht von, aber zumindest im Herzen. Der Deutsche "weiß", dass er im Recht ist, wenn er seinen Fuß auf den weißen Streifen setzt. Und er weiß, dass der Autofahrer weiß, dass er das weiß. Der Chinese hingegen weiß, dass das Auto einfach stärker ist.
Was genau der chinesische Autofahrer weiß, weiß ich nicht. Vermutlich nicht viel mehr, als genau dieses "das Auto ist stärker". Jedenfalls benimmt er sich so. Der chinesische Autofahrer fährt, als gebe es kein Bremspedal. Der chinesische Autofahrer macht mit seinem Fahrstil deutlich: Ich würde lieber einen Fußgänger mit meinem Kühlergrill flachlegen als meinen Fuß vom Gaspedal (so heißt doch das Pedal, das ich immer und ausschließlich benutze, oder?) zu nehmen.
Das Erstaunliche ist aber zum einen, dass die Zahl der Verkehrstoten hierzulande nicht in die (durchaus vorhandenen) Milliarden geht, und zum andern (was die Begründung dafür sein mag), dass sich die Einstellungen entsprechend komplett ändern, sobald der vormalige chinesische Fußgänger ein Lenkrad in der Hand hat, bzw. sobald der vormalige chinesische Autofahrer seinen Wagen auf der falschen Straßenseite geparkt hat und nun versuchen muss, das rettende jenseitige Ufer (Karaoke-Bar) zu erreichen. Und alle machen mit. Und alle akzeptieren das. Und alle finden das normal und keiner Erwähnung wert.

Es gibt ein paar zentrale Begriffe in der chinesischen Kultur. Und einer davon ist "Harmonie". Herr O. steht machmal kurz davor zu sagen: "Mit eurer Harmonie putze ich mir gerne morgen früh genau das ab, was ihr jetzt denkt." Herr O. hat auch das Bedürfnis, hierüber demnächst mehr zu schreiben, weil er glaubt, dass sich da ein Tor auftut, oder sagen wir eine Tür, oder sagen wir eine Pforte, oder doch wenigstens ein Durchschlupf, jedenfalls irgendetwas, was das Verständnis dieses Landes in irgendeiner Form zu erleichtern verspricht. Aber nicht mehr heute. Weil ich gleich ins Bettchen muss, um morgen westliche Kultur, oder wenigstens Sprache zu vermitteln.
Ich bin aber ganz sicher, dass da etwas lauert, das des Aufschreibens wert ist.
Für heute sei euch also nur der sehr lesenswerte Artikel eines Herrn Sieren, über chinesisches Rücksichts- und Überhaupt-Verhalten, nicht nur im Straßenverkehr, warm anbefohlen, zu lesen hier.
Demnächst also (hoffentlich) etwas über Harmonie.
Für heute nur die Liedzeile der immer noch von mir geschätzten deutschen Band Tocotronic: "Harmonie, -hie, -hie - ist eine Strategie".