Donnerstag, 20. November 2008

Mittags, halb eins

...in meinem Wohnheim.



Und nicht nur dort.
Sondern auch überall sonst in China.
Jawohl: Überall!
Glaubt ihr nicht? Dann guckt selbst: www.sleepingchinese.com

Dienstag, 18. November 2008

Preiswerte Taubenstreichhölzer

Dass der Qingdaoer nur ein arg begrenztes Interesse an seiner kolonialen Stadtgeschichte hat, das haben wir nun also gelernt.
Aber haben wir es wirklich gelernt? Hmmm? Zhang! Sagen Sie mal was dazu! Keine Ahnung? Dann eben Ihr Banknachbar, wie hieß der doch gleich, irgendwas mit Wang oder Liu oder so. Hmmm? Wie bitte? Kein Interesse? Setzen, sechs.

Nun, was ich meine, ist: Stimmt das mit dem hiesigen Desinteresse überhaupt? Zur Illustration meines diesbezüglich aufkommenden Zweifels seien hier drei aktuelle Fotos zum Anklicken präsentiert.

Nummer eins zeigt dem Betrachter ein Geschäft in der Altstadt von Qingdao.



Dem neben besagtem Betrachter sitzenden, hoffentlich etwas aufmerksameren Betrachter (irgendwas mit Deng oder Ling?) zeigt das Foto jedoch eine Besonderheit. Ja, genau, das Geschäft hat ein deutsches Namensschild. Zumindest vermutet das vermutlich der Ladenbesitzer (irgendwas mit Fa). So weit, so gut (bzw. preiswert). Aber wer kommt denn da so fröhlich aus dem Geschäft herausgestapfelt? Richtig: ein Pfaffe! Und ein asiatischer obendrein! Und jetzt schauen wir uns alle noch mal unsere Mitschriften aus der vorletzten Stunde an, wo es, wir erinnern uns, um den Vorwand für die deutsche Besetzung Qingdaos ging. Und schreiben eine historisch-kritische Bildinterpretation bis zur nächsten Woche. Und geben Sie sich diesmal Mühe, Zhang, ich sammle das ein und benote!

Nummer zwei zeigt uns ebenfalls einen Laden, ebenfalls in der Altstadt von Qingdao.



Zugegebenermaßen nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Sortiment des Ladens. Aber einen interessanten. Der Laden verkauft nämlich Streichholzschachteln. Mit Streichhölzern drin. Und auf den Streichholzschachteln, die stets im ganzen Set verkauft werden, finden sich immer irgendwelche Bildserien. Zum Beispiel "Die schönsten Landschaften Chinas". Oder "Die propagandistischsten Propaganda-Plakate Chinas". Oder "Die großartigsten Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Chinas". Und dann aber noch was. Mann, was war das doch gleich. Hab ich jetzt grad vergessen. Egal.

Nummer drei zeigt uns die Auslage eines Restaurants in - na wo wohl? - in der Altstadt von Qingdao.



Qingdao liegt am Meer, und entsprechend türmt sich in den Restaurantauslagen das frischgefangene Seafood meterhoch und harrt seiner Zubereitung. Doch dem aufmerksamen Betrachter (Zhang! Schlafen Sie schon wieder? Sagen Sie mal, wie machen Sie das eigentlich? Wieso können die Chinesen überall innerhalb von Sekunden in Tiefschlaf verfallen, selbst im Unterricht?) entgeht natürlich nicht, dass sich ein Fehler in unser Suchbild eingeschlichen hat. Denn auch wenn es so aussieht, als seien die beiden Tauben da rechts unten im letzten Moment noch der jüngsten Ölpest entkommen, bevor ihnen irgendein tierliebender chinesischer Koch aus Mitleid den Hals umgedreht hat, so sind doch zwei Dinge klar. Nämlich zum einen, dass es sich bei den beiden Flugratten, auch mit viel interkultureller Toleranz und beide Augen zu, beim besten Willen nicht um Seafood handelt, und zum andern, dass hier ja wohl endlich einmal die deutsche Kolonialgeschichte und ihre bis heute spürbaren Auswirkungen eindringlich illustriert werden. Denn was dem deutschen Betrachter (Ja, hören Sie ruhig gut zu, Zhang, da können Sie noch was lernen!) selbstverständlich in diesem Zusammenhang sofort in den Sinn kommt, ist doch Folgendes:

"Im August 1914 begann der erste Weltkrieg. Schnell bat Großbritannien um eine Unterstützung durch Japan. Die japanische Regierung entschied sich, den Briten im Krieg beizustehen. Am 15. August stellte Japan dem Deutschen Kaiserreich ein Ultimatum, nach dem alle deutschen Kriegsschiffe aus chinesischen und japanischen Gewässern abzuziehen seien und Tsingtau an die Japaner zu übergeben sei. Die Deutschen reagierten auf diese Bedrohung mit der Konzentration aller vorhandenen asiatischen Hilfstruppen in der Stadt. Kaiser Wilhelm II. erklärte die Verteidigung von Tsingtau zur obersten Priorität. In der Nacht zum 6. November griff die japanische Infanterie die dritte Verteidigungslinie an und trieb die Verteidiger aus ihr heraus. Am nächsten Morgen ergaben sich die deutschen Truppen gemeinsam mit ihren österreich-ungarischen Alliierten. Einen Tag zuvor entkam Günter Plüschow als einziger Deutscher aus Tsingtau. Er hatte tagelang Aufklärungsflüge unternommen, vereinzelt Bomben abgeworfen und angeblich sogar eines der japanischen Farman-Flugzeuge abgeschossen. Man nannte ihn "Das Auge von Tsingtau". Mit seiner Maschine floh er nach China und konnte nach neunmonatiger abenteuerlicher Flucht 1915 wieder Deutschland erreichen."

Ja, und wie hieß denn bitteschön das Flugzeugmodell, mit dem Herr Plüschow seine waghalsigen Kunststücke am Tsingtauer Himmel vollführte? Naaaa? Richtig! Es war die "Etrich Taube"...

Freitag, 14. November 2008

nĭn jiào shénme míngzì?

Chinesisch ist schwer. Also richtig schwer. Sagen wir: 100 Kilo oder so. Eigentlich zwar irgendwie einfach. Wegen der Grammatik. Keine Konjugation, keine Deklination, keine Artikel, kein Garnix. Aber eben trotzdem, oder vielleicht auch gerade deswegen, keine Ahnung, jedenfalls schwer. Diese Schwerheit lässt sich jedoch, als sei Chinesisch nicht schwer genug, zudem nur schwer vermitteln. Deswegen sei hier auf meinen mir sehr lieben Roberto Benigni verwiesen, der in einer Szene seines Films "Il mostro" im Grunde alles Notwendige dazu gesagt hat. Teilweise auf Chinesisch, teilweise auf Italienisch zwar, aber ich glaube, die zusammenfassend wichtige Antwort auf die am Ende gestellte Frage "Wie heißen Sie?" kommt trotzdem rüber.

Donnerstag, 13. November 2008

Es brennt nicht, ist aber trotzdem warm

Heute Vormittag heulten in Qingdao die Sirenen. Aber nicht nur einmal ("Es brennt!"), und auch nicht nur zweimal ("Es brennt! Es brennt!"), sondern immer wieder, viele viele Male hintereinander. Der Grund hierfür lag dementsprechend auch nicht in einer fehlerhaften Bedienung der Zentralheizung (die gestern übrigens angeschaltet wurde und seither auch brav funktioniert). Nein, der Grund für das Sirenengeheul dürfte einen jeden aufrechten Teutschen der alten Schule mit einem gewissen Nationalstolz erfüllen. Denn heute vor 111 Jahren besetzten die deutschen Truppen dieses entlegene Fleckchen Erde und nannten es fortan für 17 Jahre ihr "Chinesisches Neapel" oder so.

Der Anlass für das Herumsirenen war allerdings heute Mittag erst unter Miteinbeziehung der Sekretärin des Germanistischen Instituts und unter Ausnutzung ihrer guten Verbindungen zum Internet herauszukriegen. Der normale Qingdaoer zeigte auf entsprechende Nachfragen lediglich jenes die absolute und vollkommene und nirvanaverdächtige Verständnislosigkeit ausdrückende Gesicht, welches Herr O. bereits seit zweieinhalb Monaten als Reaktion auf eigentlich jede seiner Nachfragen bekannt ist.

Dem heutigen Ottonormal-Qingdaoer ist es gelinde ausgedrückt völlig wumpe, dass "die Ermordung zweier deutscher Missionare der Steyler Mission am 1. November 1897 in Südschantung durch Mitglieder einer chinesischen Geheimsekte den deutschen Stützpunktinteressen nicht ungelegen kam. Kaiser Wilhelm II. nahm die Mordfälle zum Anlass, die Kiautschou-Bucht durch drei bei Shanghai stationierte Schiffe am 14. November 1897 besetzen zu lassen. Das chinesische Militär vor Ort - um 2000 Mann - wurde ultimativ aufgefordert, den Stützpunkt zu räumen. Die chinesischen Soldaten zogen sich zurück, ihr General wurde in deutschen Gewahrsam genommen. 700 deutsche Seeleute gingen an Land und bezogen die dortigen Baracken. Die Bevölkerung wurde vom deutschen Militär über die Besetzung durch Aushang informiert."

Per Aushang! Manchmal wünscht man sich hier ein bisschen die alten Zeiten zurück. Also nicht wegen Militär und so, aber doch wegen der vorbildlichen Informationspolitik. Gestern zum Beispiel hätte auf einem Aushang im Wohnheim ungefähr Folgendes stehen können, wenn nicht sogar müssen:

"Liebe Heiminsassen.
Wie Sie sicherlich bemerkt haben, nähert sich auch in unserer schönen Stadt (von der wir keine Ahnung haben, dass sie vor 111 Jahren von den Deutschen besetzt wurde) der Winter mit ganz großen Schritten (und fasst dem Frühling von hinten an die Schultern). Daher habe ich mich aus mir genauso wenig wie Ihnen durchschaubaren Gründen entschlossen, den allgemeinen Termin für das Anstellen der Zentralheizung in diesem Jahr um zwei Tage vorzuziehen. Meinen Weisungen folgend sind also heute im Laufe des Tages, als Sie selbst gerade anderweitig zu tun hatten, irgendwelche handwerklich mittelbegabten, am unteren Ende der sozialen Nahrungskette stehenden Mitarbeiter heimlich in Ihre Wohnung hereinspaziert und haben sämtliche Thermostate an Ihren Heizungen mittels geheimnisvoller Schräubchenmechaniken so festgestellt und arretiert, dass man die Heizkörper nun nicht mehr regulieren kann und diese somit ab sofort den ganzen lieben langen Winter lang 24 Stunden am Tag vor sich hin bullern werden. Dies geschieht selbstverständlich ausschließlich zu Ihrer eigenen Sicherheit und Entlastung. Denn nun brauchen Sie sich keinerlei Gedanken mehr darüber zu machen, ob und wann Sie welchen Teil Ihrer Wohnung gerne beheizen möchten.
Dankesschreiben oder gar -geschenke Ihrerseits sind nicht notwendig - spenden Sie bitte stattdessen lieber an die Stiftung "Herr, wirf Hirn vom Himmel" e.V.
Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Gauleiter"

Mittwoch, 12. November 2008

Von oben betrachtet

Ich nutze die unverhoffte Gelegenheit, dass ich mitten in der Nacht (fragt nicht warum) doch ausnahmsweise in mein Tagebuch schreiben kann (schläft da der Herr Zen Su?), und sende euch eine Impression. Und zwar eine von gleich hinter meinem Wohnheim, aber sozusagen von oben. Denn just hinter dem Campus fangen ja die Ausläufer des Laoshan-Gebirges an (vermutlich benannt nach dem gleichnamigen Bier).
Und wenn der Herr O. sich manchmal seinen Bauch betrachtet, der immer kugeliger wird (siehe Beitrag vom 5. September), dann überkommt es ihn bisweilen und er zieht sich seine Jogging-Klamotten an und macht einen auf Sportler. Viel zu joggen gibt es da allerdings nicht. Denn gleich nachdem er die 500 Meter hochbefahrene Ausfallstraße hinter sich gelassen hat, geht es steil bergauf, und da soll mal keiner glauben, dass es da einen befestigten Weg gibt oder so. Nein, der Herr O. kraxelt und keucht sich dann die meiste Zeit eine ziemlich steile Geröllhalde hoch. Trotzdem trifft er da auf jede Menge Chinesen. Die Chinesen sind nämlich überall. Und auf diesem Hügel oder Halbberg versammeln sich erstaunlicherweise nicht nur junge, knackige, fitte Chinesen, sondern auch und vor allem jede Menge alte, faltige, aber eben dennoch fitte Chinesen. Körperliche Ertüchtigung scheint nämlich in China bis ins hohe Alter nicht nur ein Muss, sondern auch ein Will. In jedem Park (oder was sich zumindest dafür hält) stehen irgendwelche seltsam anmutenden Geräte herum, die der sportlichen Betätigung dienen. Die Chinesen, wenn sie nicht gerade arbeiten oder schlafen oder dem Herrn O. beim Berghochkraxeln unverwandt minutenlang hinterherstarren, achten bis ins hohe Alter sehr darauf, dass sie immer noch mit ihren Fußspitzen ihren Hinterkopfhaarwirbel berühren können.
Auf dem Hügel kommt jedoch noch hinzu, dass die Chinesen auch gerne singen und musizieren. Das ist dann auch recht eigenartig (wenn man dann so weit oben über der Stadt steht und aus der Ferne und Nähe irgendwelche Tschingtschangtschong-Lieder herüberwehen), aber noch eigenartiger ist es, dass anscheinend das Von-oben-unartikuliert-in-die-Landschaft-Brüllen ebenfalls auf der Beliebtheitsskala der hügelbesteigungstechnischen Tätigkeiten in China ganz weit vorne steht.
Wie auch immer, jedenfalls gibt es Tage, an denen die Luft klar ist und die Stadt ihr Verdauungsbäuerchen macht und die Sonne ganz langsam samt ihrem eigenen Spiegelbild im Meer versinkt und ihre güldenen Strahlen über Qingdao ergießt - und in solchen Momenten, also wenn man dann verschwitzt nach Luft schnappend auf besagtem Hügel steht und die Stadtgeräusche und der Verkehrslärm und alles andere nur als sanftes Rauschen zu einem hochsteigt und man das Gefühl hat, dass ganz bestimmt alles gut wird, nun ja, da muss ich sagen, das hat schon was.

Sonntag, 9. November 2008

Die Zeit ist (noch nicht) reif

Liebe alle.

Der Große Bruder scheint mir hier den Laden dicht zu machen.
Ich komme nicht mehr richtig auf meine eigenen Blog-Seiten und vermute dementsprechend, dass es sich möglicherweise bald ausgebloggt hat in Qingdao.
Schade.
Wie auch immer - falls dem so sein sollte:
Vielen Dank fürs Lesen und bis bald,
"irgendwie, irgendwo, irgendwann".

Herr O.

Mittwoch, 5. November 2008

Eine kleine Existenz

Eine kleine Existenz
Sprang mit einem großen Schritt hinaus
Lief aus dem, was klein und farblos schien
In ein großes rotes Haus

Bei dem großen Schritt heraus
Knackte es verdächtig laut im Bein
Doch der Existenzdoktor war weit
Und das Haus stand ganz allein

Und so ließ man’s lieber sein
Stieg stattdessen mutig auf das Dach
Und genoss den Blick so rundherum
Und man sagte „Oh“ und „Ach“

Lag des Nachts dann lange wach
Horchte auf die Schritte vor der Tür
Zweifellos, das Haus, es war bewohnt
Und es zog die Neubegier

Unsre Existenz von hier
Durch die Kammern, Zimmer, Säle, Räume,
Doch die Leute blickten stets nur fremd
Wie im schlimmsten aller Träume

Dass sie ja bloß nichts versäume
Dazu war die Existenz gekommen
In das große rote Haus, und nun
Fühlte sie sich sehr beklommen

Und sie horchte wie benommen
Auf die Laute dieser Leute, ohne
Zu verstehn wovon sie vielleicht sprachen
Ob es sich denn wirklich lohne

Dass man länger noch hier wohne
War die Frage, die in Hochfrequenz
Wild umherschoss in den grauen Zellen
Einer kleinen Existenz

Als Gedankenturbulenz.