Dass der Qingdaoer nur ein arg begrenztes Interesse an seiner kolonialen Stadtgeschichte hat, das haben wir nun also gelernt.
Aber haben wir es wirklich gelernt? Hmmm? Zhang! Sagen Sie mal was dazu! Keine Ahnung? Dann eben Ihr Banknachbar, wie hieß der doch gleich, irgendwas mit Wang oder Liu oder so. Hmmm? Wie bitte? Kein Interesse? Setzen, sechs.
Nun, was ich meine, ist: Stimmt das mit dem hiesigen Desinteresse überhaupt? Zur Illustration meines diesbezüglich aufkommenden Zweifels seien hier drei aktuelle Fotos zum Anklicken präsentiert.
Nummer eins zeigt dem Betrachter ein Geschäft in der Altstadt von Qingdao.

Dem neben besagtem Betrachter sitzenden, hoffentlich etwas aufmerksameren Betrachter (irgendwas mit Deng oder Ling?) zeigt das Foto jedoch eine Besonderheit. Ja, genau, das Geschäft hat ein deutsches Namensschild. Zumindest vermutet das vermutlich der Ladenbesitzer (irgendwas mit Fa). So weit, so gut (bzw. preiswert). Aber wer kommt denn da so fröhlich aus dem Geschäft herausgestapfelt? Richtig: ein Pfaffe! Und ein asiatischer obendrein! Und jetzt schauen wir uns alle noch mal unsere Mitschriften aus der vorletzten Stunde an, wo es, wir erinnern uns, um den Vorwand für die deutsche Besetzung Qingdaos ging. Und schreiben eine historisch-kritische Bildinterpretation bis zur nächsten Woche. Und geben Sie sich diesmal Mühe, Zhang, ich sammle das ein und benote!
Nummer zwei zeigt uns ebenfalls einen Laden, ebenfalls in der Altstadt von Qingdao.

Zugegebenermaßen nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Sortiment des Ladens. Aber einen interessanten. Der Laden verkauft nämlich Streichholzschachteln. Mit Streichhölzern drin. Und auf den Streichholzschachteln, die stets im ganzen Set verkauft werden, finden sich immer irgendwelche Bildserien. Zum Beispiel "Die schönsten Landschaften Chinas". Oder "Die propagandistischsten Propaganda-Plakate Chinas". Oder "Die großartigsten Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Chinas". Und dann aber noch was. Mann, was war das doch gleich. Hab ich jetzt grad vergessen. Egal.
Nummer drei zeigt uns die Auslage eines Restaurants in - na wo wohl? - in der Altstadt von Qingdao.

Qingdao liegt am Meer, und entsprechend türmt sich in den Restaurantauslagen das frischgefangene Seafood meterhoch und harrt seiner Zubereitung. Doch dem aufmerksamen Betrachter (Zhang! Schlafen Sie schon wieder? Sagen Sie mal, wie machen Sie das eigentlich? Wieso können die Chinesen überall innerhalb von Sekunden in Tiefschlaf verfallen, selbst im Unterricht?) entgeht natürlich nicht, dass sich ein Fehler in unser Suchbild eingeschlichen hat. Denn auch wenn es so aussieht, als seien die beiden Tauben da rechts unten im letzten Moment noch der jüngsten Ölpest entkommen, bevor ihnen irgendein tierliebender chinesischer Koch aus Mitleid den Hals umgedreht hat, so sind doch zwei Dinge klar. Nämlich zum einen, dass es sich bei den beiden Flugratten, auch mit viel interkultureller Toleranz und beide Augen zu, beim besten Willen nicht um Seafood handelt, und zum andern, dass hier ja wohl endlich einmal die deutsche Kolonialgeschichte und ihre bis heute spürbaren Auswirkungen eindringlich illustriert werden. Denn was dem deutschen Betrachter (Ja, hören Sie ruhig gut zu, Zhang, da können Sie noch was lernen!) selbstverständlich in diesem Zusammenhang sofort in den Sinn kommt, ist doch Folgendes:
"Im August 1914 begann der erste Weltkrieg. Schnell bat Großbritannien um eine Unterstützung durch Japan. Die japanische Regierung entschied sich, den Briten im Krieg beizustehen. Am 15. August stellte Japan dem Deutschen Kaiserreich ein Ultimatum, nach dem alle deutschen Kriegsschiffe aus chinesischen und japanischen Gewässern abzuziehen seien und Tsingtau an die Japaner zu übergeben sei. Die Deutschen reagierten auf diese Bedrohung mit der Konzentration aller vorhandenen asiatischen Hilfstruppen in der Stadt. Kaiser Wilhelm II. erklärte die
Verteidigung von Tsingtau zur obersten Priorität. In der Nacht zum 6. November griff die japanische Infanterie die dritte Verteidigungslinie an und trieb die Verteidiger aus ihr heraus. Am nächsten Morgen ergaben sich die deutschen Truppen gemeinsam mit ihren österreich-ungarischen Alliierten. Einen Tag zuvor entkam Günter Plüschow als einziger Deutscher aus Tsingtau. Er hatte tagelang Aufklärungsflüge unternommen, vereinzelt Bomben abgeworfen und angeblich sogar eines der japanischen Farman-Flugzeuge abgeschossen. Man nannte ihn "Das Auge von Tsingtau". Mit seiner Maschine floh er nach China und konnte nach neunmonatiger abenteuerlicher Flucht 1915 wieder Deutschland erreichen."
Ja, und wie hieß denn bitteschön das Flugzeugmodell, mit dem Herr Plüschow seine waghalsigen Kunststücke am Tsingtauer Himmel vollführte? Naaaa? Richtig! Es war die "
Etrich Taube"...