Freitag, 24. April 2009

Hä?

Als der liebe Gott den Menschen im Paradies verbot, Äpfel zu essen, wusste er genau, was er tat. Denn das ewige Erkennenwollen, das Verstehenwollen, das Begreifenwollen, das tut dem Menschen gar nicht gut. Heutzutage heißt der Baum der Erkenntnis Wikipedia, und dort lesen wir: „’Verstehen’ ist das inhaltliche Begreifen eines Sachverhalts, das nicht in der bloßen Kenntnisnahme besteht, sondern in der intellektuellen Erfassung des Zusammenhangs, in dem der Sachverhalt steht. Der Begriff ‚Verstehen’ wird häufig dem Begriff ‚Erklären’ gegenübergestellt, wobei das genaue Verhältnis beider Begriffe (und Prozesse) zueinander unklar bleibt.“

Das finde ich übrigens auch. Besonders das mit dem Unklaren.

In China gibt es vieles, was man als kleiner doofer Europäer nicht versteht. Warum gehen die Chinesen so oft rückwärts, ob auf der Straße oder im Park oder sonstwo? Wieso ist in 5000 Jahren Kulturgeschichte niemand in diesem Land jemals darauf gekommen, das Rotzen, Rülpsen, Schmatzen und Furzen (oder wenigstens eines der vier) mal kniggemäßig zu ächten? Weshalb ist in einer Küche, die sicher eine der besten der Welt ist (für die Chinesen natürlich die beste der Welt), ausgerechnet Maggi ein überall vollkommen akzeptiertes und auch in feinsten Edel-Restaurants wie selbstverständlich auf dem Tisch stehendes Gewürz? Wie kommt es, dass sämtliche chinesischen Autofahrer der Meinung sind, der weiße Mittelstreifen, der die Fahrbahnen unterteilt, müsse sich beim Fahren stets exakt in der Fahrzeugmitte befinden?

Der Fragen sind viele, zu viele. Die eigentliche Frage ist ja aber doch: Was mache ich mit den ganzen Fragen und vor allem mit den ganzen unzureichenden, unverständlichen oder ja meist gleich komplett ausbleibenden Antworten? Weiterfragen? Nachbohren? Die Frage noch mal anders formulieren? Ich bin doch schließlich hierher gekommen, um eine fremde Kultur zu verstehen, oder nicht? Ich will das doch wissen, warum China so funktioniert und nicht anders! Ich möchte das bitteschön erklärt bekommen, sonst kann ich doch nichts lernen!

Nur manchmal, in lichten Momenten (die im aufgeklärten Europa vermutlich eher dunkle Momente genannt würden), dämmert es mir, dass vielleicht die Fragen nicht falsch gestellt sind - sondern dass es falsch ist, die Fragen überhaupt zu stellen.
Derjenige, der es tatsächlich schaffen würde, an einem kalten, regnerischen, windigen Tag am Strand entlang zu gehen, dort einen weißen Flügel stehen zu sehen – und sich nicht zu fragen: „Warum steht an einem solchen Tag ein weißer Flügel am Strand?“, sondern ihn lediglich eine Weile zu betrachten und dann weiterzugehen – nur der hätte vielleicht wirklich im fernöstlichen Sinne etwas verstanden.



PS: Warum an besagtem kalten, regnerischen, windigen Tag ein weißer Flügel am Strand von Qingdao stand, hat Herr O. übrigens sehr wohl verstanden. Die Erklärung ist im Grunde völlig logisch und einsichtig und banal. Ich verrate sie euch aber nicht. Da seht ihr mal, wie das ist.

Donnerstag, 16. April 2009

Große Hakennase, wegen der Betagtheit

"Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?" lautet der Titel eines, wie ich aus der Ferne lese, absoluten Top-Bestsellers in Deutschland. Wenn man in China lebt, erübrigt sich diese Frage und entsprechend auch der Kauf des Buches. Viel einfacher, sinnvoller und auch billiger ist es doch, den Studenten des ersten Studienjahres die schlichte Hausaufgabenaufgabe zu stellen: "Beschreiben Sie Ihren Deutschlehrer". Schließlich gehören nicht nur Bild-, sondern auch und vor allem Personenbeschreibungen zum handwerklichen Rüstzeug eines angehenden Top-Germanisten. Klar, im umgekehrten Fall wäre das Ganze natürlich viel simpler, denn die Chinesen sehen bekanntlich alle gleich aus. Beziehungsweise es wäre viel schwieriger, denn die Chinesen sehen bekanntlich alle gleich aus. Egal, wie auch immer: Sollte noch irgendjemand Zweifel an der multiplen Persönlichkeit Herr O.s gehabt haben, belehre ich ihn hiermit gern eines Besseren und freue mich, die bemerkenswerten Ergebnisse besagter Fallstudie der (nun ja) Weltöffentlichkeit zugänglich machen zu können:

Er trägt immer eine schwarze Brille und hat eine sehr modern Frisur, obwohl er kaum Haare.

Er hat braune Augen und auch eine Hakennase.

Er trägt eine schwarze Brille und seine Augen sind grün und rund. Er sieht schick und fit aus.

Seinere Augen sind blaun. Seiner Lippe ist sehr hübsch, besonders wenn er lachen.

Er hat dunkelbraune, dunkelblaue Augen und eine große Nase aber fast ohne Haare.

Herr Oldenburg hat zwei schöne grüne Augen. Seine Hakennase ist lang.

Er hat eine lange Nase als uns Chinesen, einen weiten Mund (besonders wenn er lächelt) und 2 kleine Ohren.

Er ist circa 1,80 cm groß, aber etwas dünn. Ich glaube, ein Mann soll etwas dick sein.

Er ist ein Kahlköpfmann. Das ist seiner Haupteigenart.

Er ist ein schön Mann.

Sein Kopf ist ein bisschen klein. Er trägt kaffeebraun Lederschuhe und die Schuhe sind so lang.

Seine Augen sind schön und sie sind grün. Er hat kein Bierbauch wie viele Männe. Ich glaube er ist ein sportlich Mann. Und ich glaube, er sieht wie Kimi Raikkonen aus.

Er ist nicht groß aber sieht ziemlich gut aus.

Unser Lehrer ist ein groß Mann. Er ist etwa 1,75 Meter groß. Seine Haut sieht sehr weiß aus. Nach dem Schönheitsgefühl der Chinesinnen ist er sehr schön. Er ist fast kahl, aber das ist nicht wegen der Betagtheit – Herr Oldenburg ist noch ein Dreißiger – sondern vielleicht wegen seiner "Vorliebe". Er hat blaue Augen und eine hoche Nase. Zweifellos ist er reinlich Mensch. Immer rasiert er, wenn er Unterricht gibt. Nie haben wir seinen Bart gesehen. Er ist ein bisschen dünn aber stark. Eine Brille trägt er immer über seine Nase. Seine Augenbrauen sind ein bisschen licht aber ganz hübsch.



Allen Studentinnen und Studenten, die die vorherigen Arbeitsanweisungen ("Vermeiden Sie subjektive Wertungen, erstellen Sie keine Charakterbeschreibungen, beschreiben Sie nur und ausschließlich das Äußere, aber möglichst exakt!") auf ihre herrlich herzerfrischend ignorante Art nicht befolgt haben, piekste ich übrigens im Anschluss eigenhändig mit meinem Rotstift die Augen aus (alle schwarz). Herr O. ist nämlich nicht nur ein reinlich Mensch, sondern auch ein streng Mensch.