Dienstag, 30. Dezember 2008

Nicht gleich auf den Baum

Habe ich euch schon die kleine Geschichte von dem Chinesischlehrer im Vorbereitungskurs vor fünf Monaten in Deutschland erzählt? Der sprach immer wahnsinnig schnell (also Deutsch jetzt) und gickerte bei jedem dritten Satz so ganz hoch auf, als hätte er ein Pferdchen verschluckt, und beendete fast jede seiner Erklärungen mit der Frage "Verstehen Sie?" und erwartete aber nie eine Antwort darauf. Er war also insgesamt ein bisschen irre – und mir deswegen recht sympathisch.

Egal, jedenfalls dieser Lehrer erzählte einmal, dass er vor vielen vielen Jahren zum ersten Mal nach Deutschland kam, nach Bochum, wegen seiner Dissertation. Er wohnte damals als Student in Uninähe, und zwischen dem Wohnheim und der Uni lag ein kleines Wäldchen. Eines Nachts beim Spazierengehen sah er plötzlich einen Hund, der dort herumlief. Weiter nichts. Aber der Lehrer sagte, er sei in dem Moment so furchtbar erschrocken, dass er sofort panisch versuchte, auf einen Baum zu klettern.
Er hatte vorher einfach so gut wie nie Hunde gesehen, weil es die damals in China fast nicht gab. Weil zur Zeit der Kulturrevolution bei den Hungersnöten nämlich jeder Hund sofort geschlachtet wurde.
Es kam dann die Besitzerin des Hundes, und der Lehrer konnte seine Kletterversuche abbrechen.

In diesem Sinne wünsche ich euch allen ein angstfreies und leckeres Jahr 2009.

R.

Sonntag, 21. Dezember 2008

Versöhnlicher Nachtrag

...zum vorigen Eintrag.
Schließlich ist ja heute der vierte Advent.
Und pünktlich zum vierten Advent hat es heute geschneit!
Tja, wer weiß, vielleicht beschert mir der Wettergott (Herr Zhang?) die erste weiße Weihnacht seit Jahren?
Anbei jedenfalls drei Beweisfotos.
Euch allen schon jetzt ein frohes Fest!
R.





Frau Duplitzers Smiley-Problem

Liebe Lesenden.
Um nachvollziehen zu können, worum es in diesem Eintrag hier geht, solltet ihr am besten vorher auf diesen Link hier klicken. Die Fechterin Imke Duplitzer beschreibt dort auf Spiegel Online, wie sie während der Olympischen Spiele in Peking „hinter der Fassade totale Kontrolle, Vermarktungswahnsinn und eine krasse Zweiklassengesellschaft“ erlebte.
Klingt total informativ und wahnsinnig interessant? Oder wenigstens voll krass?
Also hurtig den Artikel durchgelesen!

Fertig?

Nun, dann schauen wir uns einmal an, was Frau Duplitzer denn so zu erzählen hat.

Es beginnt, wie sollte es anders sein, mit dem Landeanflug auf Peking. Dort sieht Frau Duplitzer „eine gelbliche, dunstige Glocke über der Stadt hängen“. Wenn das mal kein schlechtes Vorzeichen ist. Gelblich und dunstig und glockenförmig, da hat doch gewiss der Teufel seine schmutzigen Finger im Olympischen Spiel.

Entsprechend „quält“ sie sich zum Ausgang. Dort wird sie mit den anderen Athleten von einem chinesischen Herrn in Empfang genommen, der ihr die richtige Richtung weist. Hierüber ist Frau Duplitzer aber gar nicht glücklich, denn erstens handelt es sich bei dem helfenden Mitarbeiter um ein „buntbekleidetes Männchen“, welchem gleich darauf „das nächste Männchen“ folgt, und zweitens können die beiden anscheinend nur einen einzigen, vor Kontrollwahn nur so strotzenden Satz von sich geben, nämlich „This way, please“. Frau Duplitzer würde sich natürlich viel lieber selbst ihren Weg durch den Pekinger Flughafen, das zur Zeit größte Gebäude der Welt, suchen müssen und ihre Akkreditierungs-Formalitäten dort ganz alleine organisieren. Aber das lassen die buntbekleideten Chinesen-Männchen einfach nicht zu.

Auf der Akkreditierungs-Karte gibt es entweder einen blauen Balken (Athlet, Physiotherapeut oder Trainer) oder einen roten (Administration, Repräsentant). Das findet Frau Duplitzer nicht gut. Ein ganz klares Zeichen einer Zwei-Klassen-Gesellschaft. Und außerdem ist die Aufteilung so furchtbar kompliziert. Wer soll denn das verstehen? Blau, rot – da blickt doch keiner mehr durch! Doch als sei das noch nicht genug, wird die Aufteilung von den Chinesen sogar „noch komplizierter“ gemacht, und zwar „durch eine Reihe von Zahlen und Buchstaben“! Das ist soo gemein.

"This way, please", ertönt wieder die Stimme des Männchens – spätestens jetzt wird klar, dass da System hinter steckt. Die Chinesen und ihr Kontrollwahn halt. Typisch.

„Vor der Tür angekommen, vergeht mir die Lust auf den Kaffee. Die Hitze und die Luftfeuchtigkeit lassen mich eher an ein kühles Bier denken. Und nach fünf Minuten außerhalb des Wirkungsbereichs einer Klimaanlage bin ich nass, als hätte ich schon geduscht.“ Ja, und DAS wiederum, man stelle sich mal vor, finden die Chinesen anscheinend völlig normal. Obwohl das so ganz bestimmt nicht im Katalog stand. Peking im Hochsommer, da denkt doch jeder normale Mensch als erstes an einen heißen Kaffee, und zwar möglichst in Strickjacke und Fäustlingen.

Frau Duplitzers Fahrt vom Olympischen Dorf zur Fecht-Halle im offiziellen Shuttlebus dauert 20 Minuten, „die Sicherheitsvorkehrungen halten auf“. Ärgerlich, so was. Und dabei so unnötig. Weiß man doch spätestens seit 1972, dass sportliche Großveranstaltungen reine Friedensfeste sind, die mehr zur harmonischen Völkerverständigung beitragen als der ganze doofe Politik-Quatsch. Chinesischer Kontrollwahn eben.

Frau Duplitzer ist eine aufmerksame Beobachterin. Deshalb vergleicht sie, was sich seit ihrem letzten Besuch im April alles auf dem Olympia-Gelände verändert hat. Und das ist so einiges. Wo im April noch Bagger arbeiteten und Arbeitskolonnen Pflaster verlegten und Bäume pflanzten, steht nun eine Hochglanzfassade. Nun werden die Fenster riesiger Glaskästen geputzt. - Halt, nein, das war jetzt nicht ganz korrekt. Richtig muss es heißen, dass die Arbeitskolonnen „wüteten“ und das Pflaster „hämmerten“. Und zwar „im Gleichschritt“. Entsprechend werden die Fenster selbstverständlich „synchron“ geputzt. So ist er nämlich, der Chinese.

Im Anschluss staunt Frau Duplitzer. Sie staunt über die Werbebauten - pardon: die „monströsen“ Werbebauten eines Unterhaltungselektronikherstellers, eines deutschen Autobauers, einer chinesischen Bank. So was hat Frau Pulitzer - pardon: Duplitzer noch nie gesehen. In Deutschland beschränken sich die kläglichen Versuche der Werbeindustrie schließlich immer noch auf handbeschriebene Pappkartons auf dem Wochenmarkt mit der Aufschrift „Heute Bananen - billig und lecker“. Aber China, das ist ja wohl echt Kapitalismus pur. Schon abstoßend, irgendwie.

Die Gärtner des Olympischen Dorfes haben „alle einen gelben Smiley an die Uniform geheftet bekommen“. Aber von so einer oberflächlichen Gute-Laune-Aktion lässt sich Frau Duplitzer ihren kritischen Blick nicht verstellen. Ihr kritischer Blick wandert investigativ von den Smileys in die Gesichter der Gärtner. Und da wird dann deutlich: „Der Blick in ihre Gesichter zeigt ein anderes Bild.“ So, bitteschön, da haben wir’s doch: Ein System, welches zulässt, dass Gesichter von Gärtnern zwar, mag sein, irgendwie gelb sind, aber mitnichten aus zwei Punkten und einem dauergrinsenden Halbkreis-Strich bestehen, das kann doch letztlich nur als menschenverachtend bezeichnet werden.

An den Brücken der Stadt, so bemerkt Frau Duplitzer abschließend, hängen Transparente in allen Sprachen: „Jeder ist der Gastgeber, alle bauen das neue Peking auf“. Schlagartig wird ihr nach eingehender Selbst- und Plakatbetrachtung auf einmal klar: „Diese Formel wirkt wie ein Werbeslogan.“ Und das ist nun wirklich der absolute Ober-Verrat an der Olympischen Idee, das ist doch wohl der Gipfel des Zynismus, ein Werbeslogan bei Olympia, und dann sollen auch noch alle mitmachen, also das ist echt das Hinterletzte, nääh, da fahrnwer nich mehr hin, Karl-Heinz.


Warum ich das alles aufschreibe, fragt ihr euch? Nun, ich will Frau Duplitzer ganz sicher nicht ihren persönlichen Schatz an Eindrücken und Erfahrungen streitig machen. Und von mir aus darf sie das alles ruhig auch rumerzählen, oder meinetwegen sogar niederschreiben, in ihr Hello-Kitty-Tagebuch zum Beispiel. Aber, und das geht jetzt an dich, Spiegel Online: So etwas dann einfach nur, weil es anscheinend wieder mal Zeit war, unkommentiert zu veröffentlichen, als zigstes Artikelchen einer schon monate- bis jahrelangen China-Bashing-Kampagne, mit der du dich einreihst in vermutlich die Mehrheit der deutschen Presseerzeugnisse, also wirklich, das geht so nicht.
Will sagen: Ich laufe hier seit vier Monaten ganz sicher nicht jeden Tag mit einem Smiley-Gesicht durch China, nie würde ich bestreiten, dass es hierzulande ein oftmals maßlos überhöhtes Kontrollbedürfnis gibt, und auch die Diskrepanz zwischen kommunistischer Ideologie und kapitalistischer Praxis ist natürlich unübersehbar.
Aber billige Meinungsmache, Stereotypengehämmer, und, um es auf den Punkt zu bringen, gezielte Propaganda in mehr oder minder gleichgeschalteten Medien – das erkenne ich , wenn ich es sehe. Dafür muss man nämlich kein Chinese sein.

Donnerstag, 18. Dezember 2008

Wem die Geschichtsstunde schlägt

Deutschstudium, viertes und letztes Jahr.
Hausaufgabe: Beschreibung und Interpretation einer Tabelle des Statistischen Bundesamtes zur heutigen Auswanderung deutscher Fachkräfte in andere Länder:

"Während des Zweiten Weltkrieg wandern viele Fachkräften wegen politischer Gründe aus Deutschland aus. Z.B. Einstein. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat Hitler zwar zurück, aber viele Menschen hatten noch den furchtbaren Eindruck von sozialismus. So verlassen sie ihre Heimat für immer."

Demnächst frage ich die Studenten dann nach den Gründen für meine eigene Auswanderung.

Samstag, 13. Dezember 2008

Dritter

Keine Zeit, keine Zeit, tut mir Leid, keine Zeit.
Hektik, Hektik, Arbeit, Arbeit.
Mach doch mal einen neuen Eintrag auf deinem Blog, Herr O.!
Nee, geht grad nicht, ich muss doch noch das hier erledigen, und danach das hier, und dann hab ich das andere hier immer noch nicht erledigt.
Geschweige denn das hier.

Okay: Herr O. ist Dritter geworden.
Also nicht Herr O. selbst, sondern die Studenten, beim Theaterwettbewerb.
Herr O.: Sehr zufrieden.
Die Studenten: Tränen.
Herr O.: Trösten.
Die Studenten: Aber das ist doch alles ungerecht, nur der erste Platz zählt.
Herr O.: Aber das weiß doch jeder, dass diese Preisvergabe hier eine Farce ist, es ist doch viel wichtiger, dass ihr alle etwas gelernt habt in den Monaten der Vorbereitung, etwas, was weit über die Platzierung hinausgeht, etwas über Zusammenarbeit und erreichte persönliche Ziele und individuelle Entwicklung und Überwindung von Ängsten.
Die Studenten: Tränen.

Aber zumindest das anschließende Essen (und Trinken) kam gut an. Und es war auch recht preiswert für Herrn O. Der Chinese an sich ist nämlich nach einer Flasche Bier bedient.


Dienstag, 2. Dezember 2008

Volles Programm

In der letzten Woche war ich in Shanghai. In Shanghai gab es ein Lektorentreffen und einen Theaterworkshop und einen Fernseher. Dreimal dürft ihr raten, zu welchem Programm dieses kleine Filmchen wohl gehört. Na gut, zweimal. Sonst wird es zu leicht.