Donnerstag, 30. Oktober 2008

Wollen wir ein Liedlein singen

"Peking - Ein Student hat seinen Professor mit einem Küchenmesser tödlich verletzt. Der 22-Jährige wurde festgenommen. Der Student stürmte in einen Vorlesungsraum der Universität für Politik- und Rechtswissenschaft und stach vor den Augen der anwesenden Studenten dem Jura-Professor Cheng Chunming zwei Mal in den Hals, wie die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua am Mittwoch berichtete."

Aber kein Grund zur Besorgnis: Glücklicherweise liegt Qingdao von Peking locker 600 Kilometer entfernt, und so lange Messer gibt es selbst in China nicht.
Außerdem unterrichte ich ja weder Recht, noch Politik, sondern ganz brav Deutsche Sprache und Literatur. Wobei das mit der Sprache oft doch etwas knifflig ist. So halte ich zum Beispiel einen Konversationskurs für die Erstsemester. Und die haben erst vor vier Wochen angefangen, Deutsch zu lernen. Beziehungsweise eigentlich erst vor einer. Denn die sogenannten "freshmen" müssen, wie bereits berichtet, die ersten drei Wochen ihres Studentenlebens erst einmal von morgens bis abends Exerzieren und Marschieren und in Reih und Glied stehen lernen. Nach diesen solchermaßen sinnvoll verbrachten drei Wochen haben sie dann weitere drei Wochen eine Einführung in die deutsche Phonetik bekommen, so dass sie danach also wissen, wie man zum Beispiel das Wort "Küchenmesser" ausspricht. Aber was das Wort bedeutet, wissen sie nicht. Sie kennen (das jetzt für die Super-Germanisten unter euch) noch keinen Akkusativ, keinen Dativ, keine trennbaren Verben, nichts. Trotzdem soll Herr O. immer mal schön Konversation machen, zwei Stunden lang. Nach zwei Stunden lang "Ich heiße Zhao Yong Min. Ich wohne in Qingdao. Mein Vater ist Angestellter. Meine Mutter ist Hausfrau." fällt naturgemäß sowohl den Lernenden als auch dem Lehrenden die Sprachdidaktik-Decke auf den Kopf.
Doch Rettung naht, und zwar in Form eines Arbeitsauftrags, der "von ganz ganz oben" kommt. Der Dekan der Fakultät will nämlich, dass ich die im Dezember anstehende Weihnachtsfeier organisiere. Jedes Jahr werden aus diesem Anlass Hunderte von Studenten, Dozenten und Uni-Offiziellen, auch von anderen Unis, eingeladen. Und anscheinend werden da auch immer Weihnachtslieder gesungen beziehungsweise vorgetragen. Ist ja suuuper, denke ich nicht nur, sondern setze es seit letzter Woche auch in die Tat respektive Stimmbänder um, dann konversiere ich einfach mit den armen Erstsemestern, indem ich sie zunächst einmal die Texte der teutschen Weihnachtslieder im Chor vorlesen lasse, anschließend eine zu diesem Behufe aus dem Internetz gesaugte Weihnachtslieder-CD einwerfe, um dann schließlich die gesamte Klasse die zugegebenermaßen ziemlich schönen Melodeien (mit ihrem Lehrer zusammen) an einem sonnigen Oktobertag so laut durchs ebenerdige Klassenzimmer schmettern zu lassen, dass sich draußen vor den Fenstern ein neidischer Pulk von leider andere Fächer studieren müssenden Studenten zusammenrottet und sich freiwillig dieser bemerkenswerten kulturellen Grenzerfahrung aussetzt.
Was aber genau die Zeilen "Welt ging verloren, Christ ist geboren, Freue dich, oh Christenheit" oder "Durch der Engel Hallelujah tönt es laut von fern und nah: Christ, der Retter, ist da" bedeuten, das erkläre ich meinen kleinen Rotgardisten wohl lieber erst im Januar. Oder vielleicht sogar am besten gar nicht. Denn schließlich steht in meinem Arbeitsvertrag klipp und klar: "Foreign experts are not supposed to preach religions among students. Violation of such are subjected to the laws of China." (Zum chinesischen Rechtsverständnis siehe oben.)


PS: Nach der heutigen, soeben beschriebenen Lektion kam ein Student mit einem Zettel zu mir. Der Student ist das, was man, sollte man eine deutsche Sozialisation durchlaufen haben, vermutlich mit dem Ausdruck "Streeeber, Streeeber!" bezeichnen würde. Auf dem Zettel hatte er fein säuberlich den Text eines anderen deutschen Liedes niedergeschrieben. Leider kann auch dieser Student, Streeeber hin oder her, noch keinen Akkusativ oder so was. Deshalb war es mir trotz intensiver Nachfragen nicht möglich herauszufinden, wo er a) den Text gefunden hatte, warum er b) den Text für aufschreibenswürdig befunden hatte, und vor allem, was er mich c) denn bitteschön dazu fragen wollte. Und so kann ich meinen geschätzten Lesern lediglich folgenden Textauszug zum Nachdenken an die Hand geben:

"Heute wollen wir ein Liedlein singen,
trinken wollen wir den kühlen Wein,
und die Gläser sollen dazu klingen,
denn es muß geschieden sein.
Gib mir deine Hand, deine weiße Hand,
leb' wohl, lebe wohl.
Denn wir fahren, denn wir fahren,
denn wir fahren gegen Engelland!"

Sonntag, 26. Oktober 2008

Wunsch und Wirklichkeit

Ihr Lieben.

Bisher hat erstaunlicherweise noch niemand von euch per Mail, per Postkarte oder am Telefon den eigentlich doch mehr als verständlichen Wunsch geäußert: "Herr O., bitte zeig uns einmal so ein richtiges Touristenfoto, also so eins, wo du vielleicht einen Chinesen bittest, doch bitte mal ein Foto von dir zu machen, vielleicht vor der großartigen Kulisse des Tai-Gebirges, sprich: auf dem Berg Tai Shan selbst. Schließlich ist das doch der heiligste der fünf heiligen Berge des Taoismus, den jährlich über 6 Millionen Touristen besuchen! Such dir aber, wenn es irgend geht, einen Tag aus, an dem der Himmel strahlend blau und die Sicht entsprechend phantastisch ist. Danke."

Diesem Wunsch möchte ich heute nachkommen.

Donnerstag, 23. Oktober 2008

Scheitern als Chance

Wenn man an einen Tisch stößt, zum Beispiel mit dem Schienbein, dann tut das meistens weh, und zwar am Schienbein. Wenn man an Grenzen stößt, zum Beispiel an diejenigen von interkultureller Kommunikation, dann tut das auch weh, wo auch immer. Eine häufig auftretende Reaktion auf letztgenanntes Stoßen ist, dass man anfängt zu lachen. Die Wissenschaft bezeichnet dies wohl als 'Übersprungshandlung'. Die westliche Wissenschaft, wohlgemerkt.

Um den Studenten beizubringen, was westliche Wissenschaft bedeutet, gebe ich einmal in der Woche ein Seminar mit dem Titel "Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten". Vielleicht heißt das Seminar aber auch "Wie schreibe ich eine wissenschaftliche Arbeit". Oder vielleicht auch "Herr O. hat immer noch nicht genug Semesterwochenstunden, wir drücken ihm einfach noch ein Seminar aufs Auge, mal sehen, vielleicht irgendwas mit Wissenschaft". So genau wurde mir das nicht mitgeteilt.
Seit knapp zwei Monaten versuche ich also, den Studenten des letzten Studienjahres als Vorbereitung auf ihre schriftliche Examensarbeit beizubringen, wie man eine wissenschaftliche Arbeit schreibt. Und was der Unterschied zur Poesie ist. Und was ein wissenschaftliches Argument ist und was ein wissenschaftlicher Beweis ist und was wissenschaftliche Überprüfbarkeit bedeutet. Das vorläufige Zwischenergebnis des Lernerfolges nach zwei Monaten lässt sich an der jüngst von einer Studentin in ihrer wissenschaftlichen Probearbeit abgelieferten wissenschaftlichen These recht gut ablesen, welche da lautet: "Das Licht und der Schatten wohnen eng beieinander in jeder Sache." Mal sehen, welches Ergebnis die kommenden zwei Monate erbringen. Vermutlich die Einsicht, dass die Studentin schlicht Recht hat und eine Eins bekommt.

Durch solcherlei Lern- und damit Lehrerfolge mutig geworden, wage ich mich in anderen Seminaren mittlerweile auch an heikle Themen wie "Nationalstolz" heran. Huiuiui, Chinesen und Nationalstolz, und das in China, der Herr O. ist ja ganz schön mutig, höre ich euch raunen. Meine Bitte: Raunt mal nicht zu laut, der Feind hört nämlich mit. Andererseits ist das Geraune aber wiederum anscheinend auch völlig überflüssig, denn auf meine Frage an die chinesischen Studenten, auf was sie als Chinesen denn stolz seien, kamen mitnichten Kommentare wie "auf unseren Aufstieg zur Atommacht" oder "auf die Tatsache, dass wir die meisten Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen abgeräumt haben" oder gar "auf die Partei", sondern die beruhigende Antwort: "Ich bin stolz darauf, dass Qingdao so ein schönes Meer hat".

Heute Nachmittag durfte ich jedoch ausnahmsweise einmal dem interkulturellen Kommunikationsdesaster eines Menschen beiwohnen, der nicht ich selbst bin bzw. ist. An der benachbarten Technischen Universität Qingdao versuchte ein Vertreter einer österreichischen Delegation im Rahmen der dortigen "Österreichischen Kulturtage" den Studenten im durchaus gefüllten Hörsaal geschlagene zwei Stunden lang in kleinsten Schritten, anhand zahlreicher Beispiele und beneidenswert geduldig die österreichische Literatur und ihr Verhältnis zu Staat und Politik nahezubringen. Er besprach Textauszüge von Thomas Bernhard, Ernst Jandl, Elfriede Jelinek. Er erklärte, dass die österreichische Literatur oft die mangelhafte und späte Aufarbeitung des Nationalsozialismus zum Thema hat. Er erläuterte die Bedeutung der "Kronen-Zeitung", die immer wieder sehr konservativ und nationalistisch in sehr persönlichen Angriffen gegen verschiedene österreichische Autoren geschrieben hat und immer noch schreibt. Er verdeutlichte anschaulich den Begriff "Nestbeschmutzer". Er zeigte auf, wie die österreichische Öffentlichkeit lange Jahre die unbequeme Autorin Elfriede Jelinek ignorierte, verunglimpfte und mied - bis sie den Literatur-Nobelpreis bekam und dann plötzlich als "unsere österreichische Nobelpreisträgerin" hofiert wurde. Das Ganze dauerte, wie gesagt, fast zwei Stunden. Zum Ende zeigte er den Studenten zur Illustration der zuvor ausführlichst veranschaulichten, bigotten und ja letztlich die Meinungen der betroffenen Autoren nichts als bestätigenden Situation in Österreich das folgende Wahlplakat der berüchtigten Freiheitlichen Partei Österreichs:
















Damit die Studenten den dort abgebildeten Text, welcher verschiedene missliebige österreichische Autoren anführte, auch verstanden, las er ihn noch einmal laut vor: "Lieben Sie Scholten, Jelinek, Häupl, Peymann, Pasterk... oder Kunst und Kultur?" Und gerade in dem Moment, als der arme Referent Luft holte, um eben diesen polemischen Text noch einmal zu erklären, zu erläutern und in seine in den vorangegangenen zwei Stunden erfolgten Ausführungen einzubetten, erschallte, all seinen Bemühungen zuvorkommend, laut und deutlich und wie aus einem Munde von den Studenten auf ihren Sitzbänken die nicht zu überhörende, ihm quasi in die Ohren gebrüllte Antwort auf die ja offensichtlich doch im Text gestellte Frage. Ohne zu zögern und mit der Gewissheit, weitere knapp 1,3 Milliarden hinter sich zu haben, riefen die im Hörsaal versammelten chinesischen Studenten ihm geschlossen und fröhlich zu: "Kunst und Kultur!!!"

Tja. Ich vermute, dass diese drei Beispiele bei euch allerhöchstens ein achselzuckendes "Na und?" hervorrufen. Während ich mich hier fast bepissen musste. Weil es eben doch alles ganz schön anders ist. Vielleicht auch die Sachen, die einen zum Lachen bringen. Das Achselzucken wäre dann also auch ein Zeichen für eine Art gescheiterter interkultureller Kommunikation. Aber damit muss man eben leben, gell?

Montag, 20. Oktober 2008

Popauptrolle

Nun ja. Also ein paar von euch haben in den letzten Wochen den Wunsch geäußert, ich solle doch mal mehr über meine Arbeit schreiben. Den Wunsch kann ich nachvollziehen. Schließlich macht die Arbeit den allergrößten Teil meines Lebens hier aus. Allerdings wären wir da auch schon gleich beim Knackpunkt angelangt. Die Arbeit macht nämlich nicht nur besagten größten Teil meines besagten Lebens aus, sondern auch, man kann es nicht anders sagen, viel Arbeit. Also so richtig viel, wenn ihr versteht, was ich meine. Sie macht sogar so viel Arbeit, dass ich im Moment schlicht und ergreifend nicht dazu komme, auch noch darüber etwas zu schreiben. Wo man auch hinschaut: Arbeit, Arbeit, Arbeit, Poparbeit. Wobei Letzteres natürlich "Po-Parbeit" auszusprechen ist, und nicht "Pop-Arbeit". Denn das wiederum wäre ja immerhin gar nicht so schlecht. Wenn ich Pop-Arbeiter wäre, könnte mir einen Helikopter mieten, den ganzen Tag über Qingdao herumfliegen und das dabei gefilmte Material abends zu einem schicken Video zusammenkleistern. Dabei würde mir dann meine von mir mittels DAAD-Geld mit einer hochattraktiven roten Haartönung ausgestattete chinesische Gespielin zuschauen, mir den Tee (sprich: Bier) bringen, mir die Füße massieren, und während sie mich so von unten nach oben ganz kindlich unschuldig anlächelt, mich mit ihrer allerunschuldigsten Kinderstimme fragen, ob sie denn vielleicht eine klitzekleine Rolle in meinem Video über Qingdao bekommen könne? Worauf ich ihr natürlich erst mal lange in ihre dunklen Mandel- bzw. Schlitzaugen blicke und schließlich antworte: "Baby, eine kleine Rolle willst du? Keine Chance!" Aber, hey, ganz kurz bevor sie in ihr allertraurigstes Kinderweinen ausbrechen kann (mit dem sie mich sowieso langsam nervt) füge ich gönnerhaft hinzu: "Keine kleine Rolle, nein - eine große! Eine supergroße sogar! Ach, was rede ich: Die Hauptrolle! Und die einzige obendrein! Und einen Song schreibe ich auch noch für dich! Und du darfst ihn selber singen! Einen Song mit dem sagenhaften Titel 'Qingdao'! Mein Bier ist übrigens alle." Und dann lächelt sie wieder glücklich, und am Ende ist doch alles wieder gut geworden. Außer das Video vielleicht...


Sonntag, 12. Oktober 2008

Morgen ist heute gestern

"Heute ist der 12. Oktober.
Gestern war der 11. Oktober.
Vorgestern war der 10. Oktober.
Morgen ist der 13. Oktober.
Übermorgen ist der 14. Oktober."

"Heute ist Sonntag.
Gestern war Samstag.
Vorgestern war Freitag.
Morgen ist Montag.
Übermorgen ist Dienstag."

"Dieses Jahr ist 2008.
Letztes Jahr war 2007.
Vorletztes Jahr war 2006.
Nächstes Jahr ist 2009.
Übernächstes Jahr ist 2010."

So viel zu meiner ersten Chinesisch-Lektion in China.

Schöne Grüße vom sich warum er sich immer stundenlang auf seine eigenen Lektionen vorbereitet fragenden

R.

Dienstag, 7. Oktober 2008

Der beste Freund des Menschen ist die Schildkröte
















Ganz richtig: "Mein Haustier geht mir am vom chinesischen Essen leicht verdickten Arsch vorbei", scheint dieses Foto auszudrücken.
Doch Vorsicht ist geboten, denn interkulturell toleranzversiert, wie wir doch hoffentlich alle sind, hüten wir uns selbstverständlich vor den üblichen Vorurteilen, welche die Wortkombination "Tiere - Chinesen - Essen" in uns Europoden auslöst.
So kamen beispielsweise die Studenten des Jahrgangs 2006 an der Universität Qingdao im vergangenen Semester auf die gar nicht ernährungsfiese, sondern schöne Idee, sich ein Haustier anzuschaffen. Dazu muss gesagt werden, dass die Deutschstudenten so ziemlich die einzigen an der ganzen Uni sind, die pro Jahrgang (und also pro Klasse) jeweils einen eigenen Klassenraum ganz für sich haben. Ein bisschen wie in der Schule also. Warum das wiederum so ist, das konnte ich bis heute nicht herausfinden, genausowenig übrigens wie den Grund für das besagte Haustieranschaffungsbedürfnis. Mein Lektoren-Vorgänger durfte somit eines Morgens, als er den Klassenraum 309 betrat, eine frisch erworbene Schildkröte (ja genau, so eine kleine grüne, mit rotem Wangenfleck) bestaunen, bewundern und möglicherweise sogar betätscheln. Wie er mir noch vor meinem Dienstantritt mitteilte, hatten die stolzen Studenten damals aber keine Ahnung, was (oder ob) so ein Tierchen fressen muss. Des Vorgängers Lektion an jenem Tag wurde dann erst mal dementsprechend ausgeweitet.
Umso erstaunter war ich selbst aber, als ich, vor einigen Wochen meine hiesige neue Arbeit aufnehmend, in dem dafür vorgesehenen Plastikbecken auf dem Fensterbrett nicht nur ein wenig Wasser, eine Plastiktreppe, eine Plastikinsel mit Plastikpalme und die dazugehörige Schildkröte fand, sondern: zwei Schildkröten. Irgendwer war nämlich auf den glorreichen Gedanken gekommen, dass auch Schildköten einsam sein können. Auf mein Drängen hin erhielten die Kröten dann auch endlich einen Namen, nämlich (nach einer allerdings eher unmotivierten Beratschlagung seitens der Studenten) Romeo und Julia. Vorige Woche hatte es sich dann aber entweder ausgeromeot oder ausgejuliat, so genau wusste das keiner. Jedenfalls dümpelt seither wieder nur noch eine rotwangenbefleckte Schildkröte in ihrem Eigenheim vor sich hin, welches im Betrachter das starke Bedürnis weckt, sie in Robinson Crusoe umzutaufen. Ihr Ex weilt derweil schon mal vorsorglich im Schildkrötenhimmel und hält vermutlich die Suppe warm.
Gestern nun kam ich in den gleichen Klassenraum und nahm einen ungewohnten, etwas dumpfen Geruch wahr. Die sofortige Inspektion meiner Achselhöhlen erbrachte jedoch kein Ergebnis. Zehn Minuten nach Unterrichtsbeginn hatten die Studenten, die sonst immer ganz brav und lieb an ihren Holztischchen kauern, immer noch nicht mit ihrem herzigen Kichern aufgehört. Zudem mischte sich unter das Kichern immer deutlicher ein Jaulen und Winseln. Die sofortige Inspektion meiner Unterhose erbrachte kein Ergebnis, wohl aber die anschließende Inspektion der Tasche eines in der letzten Reihe sitzenden Studenten. Dort heraus lugte eindeutig und zweifellos ein Hundebaby. Da das Hundebaby nicht aufhören wollte zu winseln, nahm der Student alsbald seine Tasche inklusive Inhalt und ging auf den gleich an das Klassenzimmer angrenzenden Austritt, wo das Hundebaby konsequent und unbeirrt weiter vor sich hin winselte, was dem Unterricht, da der Austritt vom Klassenzimmer aus einseh- und hörbar ist, irgendwie abträglich war, was wiederum mir jedoch gleichzeitig irgendwie am Arsch vorbeiging.
In der Pause besuchte ich den mittlerweile völlig durchgefrorenen Studenten in seinem Exil. Der Hund gehöre einer Freundin, die für eine Woche verreist sei, sagte er. Wie alt der Hund sei, fragte ich. Zwei Monate, so er. Da trinke der doch sicherlich gerne noch Milch, meinte ich. Nein, auf keinen Fall Milch, ich hätte doch sicher von dem aktuellen Milchskandal gehört, im Moment trinke niemand in China Milch. (Anscheinend noch nicht mal die Hunde.) Ja was der Hund denn dann fresse, fragte ich. Kekse, sagte er. Aha, sagte ich. Ob er sich vielleicht einen Stuhl von außen ans Fenster stellen könne, fragte er, damit er wenigstens ein bisschen vom Unterricht mitbekäme. Ob er bitte zusammen mit dem Hund wieder ins wenigstens halbwegs warme Klassenzimmer kommen könne, sagte ich, das Ganze gehe mir an Körperstellen vorbei, deren deutsche Übersetzung erst im kommenden Semester drankäme, sagte ich zwar nicht, dachte es aber.
Und so hat der Herr O. nun seine erste Unterrichtsstunde im Leben für zwanzig Studenten und einen die ganze Zeit in der Klasse herumtapsenden Hundewelpen gehalten. Und für die Schildkröte natürlich auch.