Dienstag, 30. Dezember 2008
Nicht gleich auf den Baum
Egal, jedenfalls dieser Lehrer erzählte einmal, dass er vor vielen vielen Jahren zum ersten Mal nach Deutschland kam, nach Bochum, wegen seiner Dissertation. Er wohnte damals als Student in Uninähe, und zwischen dem Wohnheim und der Uni lag ein kleines Wäldchen. Eines Nachts beim Spazierengehen sah er plötzlich einen Hund, der dort herumlief. Weiter nichts. Aber der Lehrer sagte, er sei in dem Moment so furchtbar erschrocken, dass er sofort panisch versuchte, auf einen Baum zu klettern.
Er hatte vorher einfach so gut wie nie Hunde gesehen, weil es die damals in China fast nicht gab. Weil zur Zeit der Kulturrevolution bei den Hungersnöten nämlich jeder Hund sofort geschlachtet wurde.
Es kam dann die Besitzerin des Hundes, und der Lehrer konnte seine Kletterversuche abbrechen.
In diesem Sinne wünsche ich euch allen ein angstfreies und leckeres Jahr 2009.
R.
Sonntag, 21. Dezember 2008
Versöhnlicher Nachtrag
Schließlich ist ja heute der vierte Advent.
Und pünktlich zum vierten Advent hat es heute geschneit!
Tja, wer weiß, vielleicht beschert mir der Wettergott (Herr Zhang?) die erste weiße Weihnacht seit Jahren?
Anbei jedenfalls drei Beweisfotos.
Euch allen schon jetzt ein frohes Fest!
R.


Frau Duplitzers Smiley-Problem
Um nachvollziehen zu können, worum es in diesem Eintrag hier geht, solltet ihr am besten vorher auf diesen Link hier klicken. Die Fechterin Imke Duplitzer beschreibt dort auf Spiegel Online, wie sie während der Olympischen Spiele in Peking „hinter der Fassade totale Kontrolle, Vermarktungswahnsinn und eine krasse Zweiklassengesellschaft“ erlebte.
Klingt total informativ und wahnsinnig interessant? Oder wenigstens voll krass?
Also hurtig den Artikel durchgelesen!
Fertig?
Nun, dann schauen wir uns einmal an, was Frau Duplitzer denn so zu erzählen hat.
Es beginnt, wie sollte es anders sein, mit dem Landeanflug auf Peking. Dort sieht Frau Duplitzer „eine gelbliche, dunstige Glocke über der Stadt hängen“. Wenn das mal kein schlechtes Vorzeichen ist. Gelblich und dunstig und glockenförmig, da hat doch gewiss der Teufel seine schmutzigen Finger im Olympischen Spiel.
Entsprechend „quält“ sie sich zum Ausgang. Dort wird sie mit den anderen Athleten von einem chinesischen Herrn in Empfang genommen, der ihr die richtige Richtung weist. Hierüber ist Frau Duplitzer aber gar nicht glücklich, denn erstens handelt es sich bei dem helfenden Mitarbeiter um ein „buntbekleidetes Männchen“, welchem gleich darauf „das nächste Männchen“ folgt, und zweitens können die beiden anscheinend nur einen einzigen, vor Kontrollwahn nur so strotzenden Satz von sich geben, nämlich „This way, please“. Frau Duplitzer würde sich natürlich viel lieber selbst ihren Weg durch den Pekinger Flughafen, das zur Zeit größte Gebäude der Welt, suchen müssen und ihre Akkreditierungs-Formalitäten dort ganz alleine organisieren. Aber das lassen die buntbekleideten Chinesen-Männchen einfach nicht zu.
Auf der Akkreditierungs-Karte gibt es entweder einen blauen Balken (Athlet, Physiotherapeut oder Trainer) oder einen roten (Administration, Repräsentant). Das findet Frau Duplitzer nicht gut. Ein ganz klares Zeichen einer Zwei-Klassen-Gesellschaft. Und außerdem ist die Aufteilung so furchtbar kompliziert. Wer soll denn das verstehen? Blau, rot – da blickt doch keiner mehr durch! Doch als sei das noch nicht genug, wird die Aufteilung von den Chinesen sogar „noch komplizierter“ gemacht, und zwar „durch eine Reihe von Zahlen und Buchstaben“! Das ist soo gemein.
"This way, please", ertönt wieder die Stimme des Männchens – spätestens jetzt wird klar, dass da System hinter steckt. Die Chinesen und ihr Kontrollwahn halt. Typisch.
„Vor der Tür angekommen, vergeht mir die Lust auf den Kaffee. Die Hitze und die Luftfeuchtigkeit lassen mich eher an ein kühles Bier denken. Und nach fünf Minuten außerhalb des Wirkungsbereichs einer Klimaanlage bin ich nass, als hätte ich schon geduscht.“ Ja, und DAS wiederum, man stelle sich mal vor, finden die Chinesen anscheinend völlig normal. Obwohl das so ganz bestimmt nicht im Katalog stand. Peking im Hochsommer, da denkt doch jeder normale Mensch als erstes an einen heißen Kaffee, und zwar möglichst in Strickjacke und Fäustlingen.
Frau Duplitzers Fahrt vom Olympischen Dorf zur Fecht-Halle im offiziellen Shuttlebus dauert 20 Minuten, „die Sicherheitsvorkehrungen halten auf“. Ärgerlich, so was. Und dabei so unnötig. Weiß man doch spätestens seit 1972, dass sportliche Großveranstaltungen reine Friedensfeste sind, die mehr zur harmonischen Völkerverständigung beitragen als der ganze doofe Politik-Quatsch. Chinesischer Kontrollwahn eben.
Frau Duplitzer ist eine aufmerksame Beobachterin. Deshalb vergleicht sie, was sich seit ihrem letzten Besuch im April alles auf dem Olympia-Gelände verändert hat. Und das ist so einiges. Wo im April noch Bagger arbeiteten und Arbeitskolonnen Pflaster verlegten und Bäume pflanzten, steht nun eine Hochglanzfassade. Nun werden die Fenster riesiger Glaskästen geputzt. - Halt, nein, das war jetzt nicht ganz korrekt. Richtig muss es heißen, dass die Arbeitskolonnen „wüteten“ und das Pflaster „hämmerten“. Und zwar „im Gleichschritt“. Entsprechend werden die Fenster selbstverständlich „synchron“ geputzt. So ist er nämlich, der Chinese.
Im Anschluss staunt Frau Duplitzer. Sie staunt über die Werbebauten - pardon: die „monströsen“ Werbebauten eines Unterhaltungselektronikherstellers, eines deutschen Autobauers, einer chinesischen Bank. So was hat Frau Pulitzer - pardon: Duplitzer noch nie gesehen. In Deutschland beschränken sich die kläglichen Versuche der Werbeindustrie schließlich immer noch auf handbeschriebene Pappkartons auf dem Wochenmarkt mit der Aufschrift „Heute Bananen - billig und lecker“. Aber China, das ist ja wohl echt Kapitalismus pur. Schon abstoßend, irgendwie.
Die Gärtner des Olympischen Dorfes haben „alle einen gelben Smiley an die Uniform geheftet bekommen“. Aber von so einer oberflächlichen Gute-Laune-Aktion lässt sich Frau Duplitzer ihren kritischen Blick nicht verstellen. Ihr kritischer Blick wandert investigativ von den Smileys in die Gesichter der Gärtner. Und da wird dann deutlich: „Der Blick in ihre Gesichter zeigt ein anderes Bild.“ So, bitteschön, da haben wir’s doch: Ein System, welches zulässt, dass Gesichter von Gärtnern zwar, mag sein, irgendwie gelb sind, aber mitnichten aus zwei Punkten und einem dauergrinsenden Halbkreis-Strich bestehen, das kann doch letztlich nur als menschenverachtend bezeichnet werden.
An den Brücken der Stadt, so bemerkt Frau Duplitzer abschließend, hängen Transparente in allen Sprachen: „Jeder ist der Gastgeber, alle bauen das neue Peking auf“. Schlagartig wird ihr nach eingehender Selbst- und Plakatbetrachtung auf einmal klar: „Diese Formel wirkt wie ein Werbeslogan.“ Und das ist nun wirklich der absolute Ober-Verrat an der Olympischen Idee, das ist doch wohl der Gipfel des Zynismus, ein Werbeslogan bei Olympia, und dann sollen auch noch alle mitmachen, also das ist echt das Hinterletzte, nääh, da fahrnwer nich mehr hin, Karl-Heinz.
Warum ich das alles aufschreibe, fragt ihr euch? Nun, ich will Frau Duplitzer ganz sicher nicht ihren persönlichen Schatz an Eindrücken und Erfahrungen streitig machen. Und von mir aus darf sie das alles ruhig auch rumerzählen, oder meinetwegen sogar niederschreiben, in ihr Hello-Kitty-Tagebuch zum Beispiel. Aber, und das geht jetzt an dich, Spiegel Online: So etwas dann einfach nur, weil es anscheinend wieder mal Zeit war, unkommentiert zu veröffentlichen, als zigstes Artikelchen einer schon monate- bis jahrelangen China-Bashing-Kampagne, mit der du dich einreihst in vermutlich die Mehrheit der deutschen Presseerzeugnisse, also wirklich, das geht so nicht.
Will sagen: Ich laufe hier seit vier Monaten ganz sicher nicht jeden Tag mit einem Smiley-Gesicht durch China, nie würde ich bestreiten, dass es hierzulande ein oftmals maßlos überhöhtes Kontrollbedürfnis gibt, und auch die Diskrepanz zwischen kommunistischer Ideologie und kapitalistischer Praxis ist natürlich unübersehbar.
Aber billige Meinungsmache, Stereotypengehämmer, und, um es auf den Punkt zu bringen, gezielte Propaganda in mehr oder minder gleichgeschalteten Medien – das erkenne ich , wenn ich es sehe. Dafür muss man nämlich kein Chinese sein.
Donnerstag, 18. Dezember 2008
Wem die Geschichtsstunde schlägt
Hausaufgabe: Beschreibung und Interpretation einer Tabelle des Statistischen Bundesamtes zur heutigen Auswanderung deutscher Fachkräfte in andere Länder:
"Während des Zweiten Weltkrieg wandern viele Fachkräften wegen politischer Gründe aus Deutschland aus. Z.B. Einstein. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat Hitler zwar zurück, aber viele Menschen hatten noch den furchtbaren Eindruck von sozialismus. So verlassen sie ihre Heimat für immer."
Demnächst frage ich die Studenten dann nach den Gründen für meine eigene Auswanderung.
Samstag, 13. Dezember 2008
Dritter
Hektik, Hektik, Arbeit, Arbeit.
Mach doch mal einen neuen Eintrag auf deinem Blog, Herr O.!
Nee, geht grad nicht, ich muss doch noch das hier erledigen, und danach das hier, und dann hab ich das andere hier immer noch nicht erledigt.
Geschweige denn das hier.
Okay: Herr O. ist Dritter geworden.
Also nicht Herr O. selbst, sondern die Studenten, beim Theaterwettbewerb.
Herr O.: Sehr zufrieden.
Die Studenten: Tränen.
Herr O.: Trösten.
Die Studenten: Aber das ist doch alles ungerecht, nur der erste Platz zählt.
Herr O.: Aber das weiß doch jeder, dass diese Preisvergabe hier eine Farce ist, es ist doch viel wichtiger, dass ihr alle etwas gelernt habt in den Monaten der Vorbereitung, etwas, was weit über die Platzierung hinausgeht, etwas über Zusammenarbeit und erreichte persönliche Ziele und individuelle Entwicklung und Überwindung von Ängsten.
Die Studenten: Tränen.
Aber zumindest das anschließende Essen (und Trinken) kam gut an. Und es war auch recht preiswert für Herrn O. Der Chinese an sich ist nämlich nach einer Flasche Bier bedient.
Dienstag, 2. Dezember 2008
Volles Programm
Donnerstag, 20. November 2008
Mittags, halb eins

Und nicht nur dort.
Sondern auch überall sonst in China.
Jawohl: Überall!
Glaubt ihr nicht? Dann guckt selbst: www.sleepingchinese.com
Dienstag, 18. November 2008
Preiswerte Taubenstreichhölzer
Aber haben wir es wirklich gelernt? Hmmm? Zhang! Sagen Sie mal was dazu! Keine Ahnung? Dann eben Ihr Banknachbar, wie hieß der doch gleich, irgendwas mit Wang oder Liu oder so. Hmmm? Wie bitte? Kein Interesse? Setzen, sechs.
Nun, was ich meine, ist: Stimmt das mit dem hiesigen Desinteresse überhaupt? Zur Illustration meines diesbezüglich aufkommenden Zweifels seien hier drei aktuelle Fotos zum Anklicken präsentiert.
Nummer eins zeigt dem Betrachter ein Geschäft in der Altstadt von Qingdao.

Dem neben besagtem Betrachter sitzenden, hoffentlich etwas aufmerksameren Betrachter (irgendwas mit Deng oder Ling?) zeigt das Foto jedoch eine Besonderheit. Ja, genau, das Geschäft hat ein deutsches Namensschild. Zumindest vermutet das vermutlich der Ladenbesitzer (irgendwas mit Fa). So weit, so gut (bzw. preiswert). Aber wer kommt denn da so fröhlich aus dem Geschäft herausgestapfelt? Richtig: ein Pfaffe! Und ein asiatischer obendrein! Und jetzt schauen wir uns alle noch mal unsere Mitschriften aus der vorletzten Stunde an, wo es, wir erinnern uns, um den Vorwand für die deutsche Besetzung Qingdaos ging. Und schreiben eine historisch-kritische Bildinterpretation bis zur nächsten Woche. Und geben Sie sich diesmal Mühe, Zhang, ich sammle das ein und benote!
Nummer zwei zeigt uns ebenfalls einen Laden, ebenfalls in der Altstadt von Qingdao.

Zugegebenermaßen nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Sortiment des Ladens. Aber einen interessanten. Der Laden verkauft nämlich Streichholzschachteln. Mit Streichhölzern drin. Und auf den Streichholzschachteln, die stets im ganzen Set verkauft werden, finden sich immer irgendwelche Bildserien. Zum Beispiel "Die schönsten Landschaften Chinas". Oder "Die propagandistischsten Propaganda-Plakate Chinas". Oder "Die großartigsten Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Chinas". Und dann aber noch was. Mann, was war das doch gleich. Hab ich jetzt grad vergessen. Egal.
Nummer drei zeigt uns die Auslage eines Restaurants in - na wo wohl? - in der Altstadt von Qingdao.

Qingdao liegt am Meer, und entsprechend türmt sich in den Restaurantauslagen das frischgefangene Seafood meterhoch und harrt seiner Zubereitung. Doch dem aufmerksamen Betrachter (Zhang! Schlafen Sie schon wieder? Sagen Sie mal, wie machen Sie das eigentlich? Wieso können die Chinesen überall innerhalb von Sekunden in Tiefschlaf verfallen, selbst im Unterricht?) entgeht natürlich nicht, dass sich ein Fehler in unser Suchbild eingeschlichen hat. Denn auch wenn es so aussieht, als seien die beiden Tauben da rechts unten im letzten Moment noch der jüngsten Ölpest entkommen, bevor ihnen irgendein tierliebender chinesischer Koch aus Mitleid den Hals umgedreht hat, so sind doch zwei Dinge klar. Nämlich zum einen, dass es sich bei den beiden Flugratten, auch mit viel interkultureller Toleranz und beide Augen zu, beim besten Willen nicht um Seafood handelt, und zum andern, dass hier ja wohl endlich einmal die deutsche Kolonialgeschichte und ihre bis heute spürbaren Auswirkungen eindringlich illustriert werden. Denn was dem deutschen Betrachter (Ja, hören Sie ruhig gut zu, Zhang, da können Sie noch was lernen!) selbstverständlich in diesem Zusammenhang sofort in den Sinn kommt, ist doch Folgendes:
"Im August 1914 begann der erste Weltkrieg. Schnell bat Großbritannien um eine Unterstützung durch Japan. Die japanische Regierung entschied sich, den Briten im Krieg beizustehen. Am 15. August stellte Japan dem Deutschen Kaiserreich ein Ultimatum, nach dem alle deutschen Kriegsschiffe aus chinesischen und japanischen Gewässern abzuziehen seien und Tsingtau an die Japaner zu übergeben sei. Die Deutschen reagierten auf diese Bedrohung mit der Konzentration aller vorhandenen asiatischen Hilfstruppen in der Stadt. Kaiser Wilhelm II. erklärte die Verteidigung von Tsingtau zur obersten Priorität. In der Nacht zum 6. November griff die japanische Infanterie die dritte Verteidigungslinie an und trieb die Verteidiger aus ihr heraus. Am nächsten Morgen ergaben sich die deutschen Truppen gemeinsam mit ihren österreich-ungarischen Alliierten. Einen Tag zuvor entkam Günter Plüschow als einziger Deutscher aus Tsingtau. Er hatte tagelang Aufklärungsflüge unternommen, vereinzelt Bomben abgeworfen und angeblich sogar eines der japanischen Farman-Flugzeuge abgeschossen. Man nannte ihn "Das Auge von Tsingtau". Mit seiner Maschine floh er nach China und konnte nach neunmonatiger abenteuerlicher Flucht 1915 wieder Deutschland erreichen."
Ja, und wie hieß denn bitteschön das Flugzeugmodell, mit dem Herr Plüschow seine waghalsigen Kunststücke am Tsingtauer Himmel vollführte? Naaaa? Richtig! Es war die "Etrich Taube"...
Freitag, 14. November 2008
nĭn jiào shénme míngzì?
Donnerstag, 13. November 2008
Es brennt nicht, ist aber trotzdem warm
Der Anlass für das Herumsirenen war allerdings heute Mittag erst unter Miteinbeziehung der Sekretärin des Germanistischen Instituts und unter Ausnutzung ihrer guten Verbindungen zum Internet herauszukriegen. Der normale Qingdaoer zeigte auf entsprechende Nachfragen lediglich jenes die absolute und vollkommene und nirvanaverdächtige Verständnislosigkeit ausdrückende Gesicht, welches Herr O. bereits seit zweieinhalb Monaten als Reaktion auf eigentlich jede seiner Nachfragen bekannt ist.
Dem heutigen Ottonormal-Qingdaoer ist es gelinde ausgedrückt völlig wumpe, dass "die Ermordung zweier deutscher Missionare der Steyler Mission am 1. November 1897 in Südschantung durch Mitglieder einer chinesischen Geheimsekte den deutschen Stützpunktinteressen nicht ungelegen kam. Kaiser Wilhelm II. nahm die Mordfälle zum Anlass, die Kiautschou-Bucht durch drei bei Shanghai stationierte Schiffe am 14. November 1897 besetzen zu lassen. Das chinesische Militär vor Ort - um 2000 Mann - wurde ultimativ aufgefordert, den Stützpunkt zu räumen. Die chinesischen Soldaten zogen sich zurück, ihr General wurde in deutschen Gewahrsam genommen. 700 deutsche Seeleute gingen an Land und bezogen die dortigen Baracken. Die Bevölkerung wurde vom deutschen Militär über die Besetzung durch Aushang informiert."
Per Aushang! Manchmal wünscht man sich hier ein bisschen die alten Zeiten zurück. Also nicht wegen Militär und so, aber doch wegen der vorbildlichen Informationspolitik. Gestern zum Beispiel hätte auf einem Aushang im Wohnheim ungefähr Folgendes stehen können, wenn nicht sogar müssen:
"Liebe Heiminsassen.
Wie Sie sicherlich bemerkt haben, nähert sich auch in unserer schönen Stadt (von der wir keine Ahnung haben, dass sie vor 111 Jahren von den Deutschen besetzt wurde) der Winter mit ganz großen Schritten (und fasst dem Frühling von hinten an die Schultern). Daher habe ich mich aus mir genauso wenig wie Ihnen durchschaubaren Gründen entschlossen, den allgemeinen Termin für das Anstellen der Zentralheizung in diesem Jahr um zwei Tage vorzuziehen. Meinen Weisungen folgend sind also heute im Laufe des Tages, als Sie selbst gerade anderweitig zu tun hatten, irgendwelche handwerklich mittelbegabten, am unteren Ende der sozialen Nahrungskette stehenden Mitarbeiter heimlich in Ihre Wohnung hereinspaziert und haben sämtliche Thermostate an Ihren Heizungen mittels geheimnisvoller Schräubchenmechaniken so festgestellt und arretiert, dass man die Heizkörper nun nicht mehr regulieren kann und diese somit ab sofort den ganzen lieben langen Winter lang 24 Stunden am Tag vor sich hin bullern werden. Dies geschieht selbstverständlich ausschließlich zu Ihrer eigenen Sicherheit und Entlastung. Denn nun brauchen Sie sich keinerlei Gedanken mehr darüber zu machen, ob und wann Sie welchen Teil Ihrer Wohnung gerne beheizen möchten.
Dankesschreiben oder gar -geschenke Ihrerseits sind nicht notwendig - spenden Sie bitte stattdessen lieber an die Stiftung "Herr, wirf Hirn vom Himmel" e.V.
Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Gauleiter"
Mittwoch, 12. November 2008
Von oben betrachtet
Und wenn der Herr O. sich manchmal seinen Bauch betrachtet, der immer kugeliger wird (siehe Beitrag vom 5. September), dann überkommt es ihn bisweilen und er zieht sich seine Jogging-Klamotten an und macht einen auf Sportler. Viel zu joggen gibt es da allerdings nicht. Denn gleich nachdem er die 500 Meter hochbefahrene Ausfallstraße hinter sich gelassen hat, geht es steil bergauf, und da soll mal keiner glauben, dass es da einen befestigten Weg gibt oder so. Nein, der Herr O. kraxelt und keucht sich dann die meiste Zeit eine ziemlich steile Geröllhalde hoch. Trotzdem trifft er da auf jede Menge Chinesen. Die Chinesen sind nämlich überall. Und auf diesem Hügel oder Halbberg versammeln sich erstaunlicherweise nicht nur junge, knackige, fitte Chinesen, sondern auch und vor allem jede Menge alte, faltige, aber eben dennoch fitte Chinesen. Körperliche Ertüchtigung scheint nämlich in China bis ins hohe Alter nicht nur ein Muss, sondern auch ein Will. In jedem Park (oder was sich zumindest dafür hält) stehen irgendwelche seltsam anmutenden Geräte herum, die der sportlichen Betätigung dienen. Die Chinesen, wenn sie nicht gerade arbeiten oder schlafen oder dem Herrn O. beim Berghochkraxeln unverwandt minutenlang hinterherstarren, achten bis ins hohe Alter sehr darauf, dass sie immer noch mit ihren Fußspitzen ihren Hinterkopfhaarwirbel berühren können.
Auf dem Hügel kommt jedoch noch hinzu, dass die Chinesen auch gerne singen und musizieren. Das ist dann auch recht eigenartig (wenn man dann so weit oben über der Stadt steht und aus der Ferne und Nähe irgendwelche Tschingtschangtschong-Lieder herüberwehen), aber noch eigenartiger ist es, dass anscheinend das Von-oben-unartikuliert-in-die-Landschaft-Brüllen ebenfalls auf der Beliebtheitsskala der hügelbesteigungstechnischen Tätigkeiten in China ganz weit vorne steht.
Wie auch immer, jedenfalls gibt es Tage, an denen die Luft klar ist und die Stadt ihr Verdauungsbäuerchen macht und die Sonne ganz langsam samt ihrem eigenen Spiegelbild im Meer versinkt und ihre güldenen Strahlen über Qingdao ergießt - und in solchen Momenten, also wenn man dann verschwitzt nach Luft schnappend auf besagtem Hügel steht und die Stadtgeräusche und der Verkehrslärm und alles andere nur als sanftes Rauschen zu einem hochsteigt und man das Gefühl hat, dass ganz bestimmt alles gut wird, nun ja, da muss ich sagen, das hat schon was.
Sonntag, 9. November 2008
Die Zeit ist (noch nicht) reif
Der Große Bruder scheint mir hier den Laden dicht zu machen.
Ich komme nicht mehr richtig auf meine eigenen Blog-Seiten und vermute dementsprechend, dass es sich möglicherweise bald ausgebloggt hat in Qingdao.
Schade.
Wie auch immer - falls dem so sein sollte:
Vielen Dank fürs Lesen und bis bald,
"irgendwie, irgendwo, irgendwann".
Herr O.
Mittwoch, 5. November 2008
Eine kleine Existenz
Sprang mit einem großen Schritt hinaus
Lief aus dem, was klein und farblos schien
In ein großes rotes Haus
Bei dem großen Schritt heraus
Knackte es verdächtig laut im Bein
Doch der Existenzdoktor war weit
Und das Haus stand ganz allein
Und so ließ man’s lieber sein
Stieg stattdessen mutig auf das Dach
Und genoss den Blick so rundherum
Und man sagte „Oh“ und „Ach“
Lag des Nachts dann lange wach
Horchte auf die Schritte vor der Tür
Zweifellos, das Haus, es war bewohnt
Und es zog die Neubegier
Unsre Existenz von hier
Durch die Kammern, Zimmer, Säle, Räume,
Doch die Leute blickten stets nur fremd
Wie im schlimmsten aller Träume
Dass sie ja bloß nichts versäume
Dazu war die Existenz gekommen
In das große rote Haus, und nun
Fühlte sie sich sehr beklommen
Und sie horchte wie benommen
Auf die Laute dieser Leute, ohne
Zu verstehn wovon sie vielleicht sprachen
Ob es sich denn wirklich lohne
Dass man länger noch hier wohne
War die Frage, die in Hochfrequenz
Wild umherschoss in den grauen Zellen
Einer kleinen Existenz
Als Gedankenturbulenz.
Donnerstag, 30. Oktober 2008
Wollen wir ein Liedlein singen
Aber kein Grund zur Besorgnis: Glücklicherweise liegt Qingdao von Peking locker 600 Kilometer entfernt, und so lange Messer gibt es selbst in China nicht.
Außerdem unterrichte ich ja weder Recht, noch Politik, sondern ganz brav Deutsche Sprache und Literatur. Wobei das mit der Sprache oft doch etwas knifflig ist. So halte ich zum Beispiel einen Konversationskurs für die Erstsemester. Und die haben erst vor vier Wochen angefangen, Deutsch zu lernen. Beziehungsweise eigentlich erst vor einer. Denn die sogenannten "freshmen" müssen, wie bereits berichtet, die ersten drei Wochen ihres Studentenlebens erst einmal von morgens bis abends Exerzieren und Marschieren und in Reih und Glied stehen lernen. Nach diesen solchermaßen sinnvoll verbrachten drei Wochen haben sie dann weitere drei Wochen eine Einführung in die deutsche Phonetik bekommen, so dass sie danach also wissen, wie man zum Beispiel das Wort "Küchenmesser" ausspricht. Aber was das Wort bedeutet, wissen sie nicht. Sie kennen (das jetzt für die Super-Germanisten unter euch) noch keinen Akkusativ, keinen Dativ, keine trennbaren Verben, nichts. Trotzdem soll Herr O. immer mal schön Konversation machen, zwei Stunden lang. Nach zwei Stunden lang "Ich heiße Zhao Yong Min. Ich wohne in Qingdao. Mein Vater ist Angestellter. Meine Mutter ist Hausfrau." fällt naturgemäß sowohl den Lernenden als auch dem Lehrenden die Sprachdidaktik-Decke auf den Kopf.
Doch Rettung naht, und zwar in Form eines Arbeitsauftrags, der "von ganz ganz oben" kommt. Der Dekan der Fakultät will nämlich, dass ich die im Dezember anstehende Weihnachtsfeier organisiere. Jedes Jahr werden aus diesem Anlass Hunderte von Studenten, Dozenten und Uni-Offiziellen, auch von anderen Unis, eingeladen. Und anscheinend werden da auch immer Weihnachtslieder gesungen beziehungsweise vorgetragen. Ist ja suuuper, denke ich nicht nur, sondern setze es seit letzter Woche auch in die Tat respektive Stimmbänder um, dann konversiere ich einfach mit den armen Erstsemestern, indem ich sie zunächst einmal die Texte der teutschen Weihnachtslieder im Chor vorlesen lasse, anschließend eine zu diesem Behufe aus dem Internetz gesaugte Weihnachtslieder-CD einwerfe, um dann schließlich die gesamte Klasse die zugegebenermaßen ziemlich schönen Melodeien (mit ihrem Lehrer zusammen) an einem sonnigen Oktobertag so laut durchs ebenerdige Klassenzimmer schmettern zu lassen, dass sich draußen vor den Fenstern ein neidischer Pulk von leider andere Fächer studieren müssenden Studenten zusammenrottet und sich freiwillig dieser bemerkenswerten kulturellen Grenzerfahrung aussetzt.
Was aber genau die Zeilen "Welt ging verloren, Christ ist geboren, Freue dich, oh Christenheit" oder "Durch der Engel Hallelujah tönt es laut von fern und nah: Christ, der Retter, ist da" bedeuten, das erkläre ich meinen kleinen Rotgardisten wohl lieber erst im Januar. Oder vielleicht sogar am besten gar nicht. Denn schließlich steht in meinem Arbeitsvertrag klipp und klar: "Foreign experts are not supposed to preach religions among students. Violation of such are subjected to the laws of China." (Zum chinesischen Rechtsverständnis siehe oben.)
PS: Nach der heutigen, soeben beschriebenen Lektion kam ein Student mit einem Zettel zu mir. Der Student ist das, was man, sollte man eine deutsche Sozialisation durchlaufen haben, vermutlich mit dem Ausdruck "Streeeber, Streeeber!" bezeichnen würde. Auf dem Zettel hatte er fein säuberlich den Text eines anderen deutschen Liedes niedergeschrieben. Leider kann auch dieser Student, Streeeber hin oder her, noch keinen Akkusativ oder so was. Deshalb war es mir trotz intensiver Nachfragen nicht möglich herauszufinden, wo er a) den Text gefunden hatte, warum er b) den Text für aufschreibenswürdig befunden hatte, und vor allem, was er mich c) denn bitteschön dazu fragen wollte. Und so kann ich meinen geschätzten Lesern lediglich folgenden Textauszug zum Nachdenken an die Hand geben:
"Heute wollen wir ein Liedlein singen,
trinken wollen wir den kühlen Wein,
und die Gläser sollen dazu klingen,
denn es muß geschieden sein.
Gib mir deine Hand, deine weiße Hand,
leb' wohl, lebe wohl.
Denn wir fahren, denn wir fahren,
denn wir fahren gegen Engelland!"
Sonntag, 26. Oktober 2008
Wunsch und Wirklichkeit
Bisher hat erstaunlicherweise noch niemand von euch per Mail, per Postkarte oder am Telefon den eigentlich doch mehr als verständlichen Wunsch geäußert: "Herr O., bitte zeig uns einmal so ein richtiges Touristenfoto, also so eins, wo du vielleicht einen Chinesen bittest, doch bitte mal ein Foto von dir zu machen, vielleicht vor der großartigen Kulisse des Tai-Gebirges, sprich: auf dem Berg Tai Shan selbst. Schließlich ist das doch der heiligste der fünf heiligen Berge des Taoismus, den jährlich über 6 Millionen Touristen besuchen! Such dir aber, wenn es irgend geht, einen Tag aus, an dem der Himmel strahlend blau und die Sicht entsprechend phantastisch ist. Danke."
Diesem Wunsch möchte ich heute nachkommen.
Donnerstag, 23. Oktober 2008
Scheitern als Chance
Um den Studenten beizubringen, was westliche Wissenschaft bedeutet, gebe ich einmal in der Woche ein Seminar mit dem Titel "Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten". Vielleicht heißt das Seminar aber auch "Wie schreibe ich eine wissenschaftliche Arbeit". Oder vielleicht auch "Herr O. hat immer noch nicht genug Semesterwochenstunden, wir drücken ihm einfach noch ein Seminar aufs Auge, mal sehen, vielleicht irgendwas mit Wissenschaft". So genau wurde mir das nicht mitgeteilt.
Seit knapp zwei Monaten versuche ich also, den Studenten des letzten Studienjahres als Vorbereitung auf ihre schriftliche Examensarbeit beizubringen, wie man eine wissenschaftliche Arbeit schreibt. Und was der Unterschied zur Poesie ist. Und was ein wissenschaftliches Argument ist und was ein wissenschaftlicher Beweis ist und was wissenschaftliche Überprüfbarkeit bedeutet. Das vorläufige Zwischenergebnis des Lernerfolges nach zwei Monaten lässt sich an der jüngst von einer Studentin in ihrer wissenschaftlichen Probearbeit abgelieferten wissenschaftlichen These recht gut ablesen, welche da lautet: "Das Licht und der Schatten wohnen eng beieinander in jeder Sache." Mal sehen, welches Ergebnis die kommenden zwei Monate erbringen. Vermutlich die Einsicht, dass die Studentin schlicht Recht hat und eine Eins bekommt.
Durch solcherlei Lern- und damit Lehrerfolge mutig geworden, wage ich mich in anderen Seminaren mittlerweile auch an heikle Themen wie "Nationalstolz" heran. Huiuiui, Chinesen und Nationalstolz, und das in China, der Herr O. ist ja ganz schön mutig, höre ich euch raunen. Meine Bitte: Raunt mal nicht zu laut, der Feind hört nämlich mit. Andererseits ist das Geraune aber wiederum anscheinend auch völlig überflüssig, denn auf meine Frage an die chinesischen Studenten, auf was sie als Chinesen denn stolz seien, kamen mitnichten Kommentare wie "auf unseren Aufstieg zur Atommacht" oder "auf die Tatsache, dass wir die meisten Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen abgeräumt haben" oder gar "auf die Partei", sondern die beruhigende Antwort: "Ich bin stolz darauf, dass Qingdao so ein schönes Meer hat".
Heute Nachmittag durfte ich jedoch ausnahmsweise einmal dem interkulturellen Kommunikationsdesaster eines Menschen beiwohnen, der nicht ich selbst bin bzw. ist. An der benachbarten Technischen Universität Qingdao versuchte ein Vertreter einer österreichischen Delegation im Rahmen der dortigen "Österreichischen Kulturtage" den Studenten im durchaus gefüllten Hörsaal geschlagene zwei Stunden lang in kleinsten Schritten, anhand zahlreicher Beispiele und beneidenswert geduldig die österreichische Literatur und ihr Verhältnis zu Staat und Politik nahezubringen. Er besprach Textauszüge von Thomas Bernhard, Ernst Jandl, Elfriede Jelinek. Er erklärte, dass die österreichische Literatur oft die mangelhafte und späte Aufarbeitung des Nationalsozialismus zum Thema hat. Er erläuterte die Bedeutung der "Kronen-Zeitung", die immer wieder sehr konservativ und nationalistisch in sehr persönlichen Angriffen gegen verschiedene österreichische Autoren geschrieben hat und immer noch schreibt. Er verdeutlichte anschaulich den Begriff "Nestbeschmutzer". Er zeigte auf, wie die österreichische Öffentlichkeit lange Jahre die unbequeme Autorin Elfriede Jelinek ignorierte, verunglimpfte und mied - bis sie den Literatur-Nobelpreis bekam und dann plötzlich als "unsere österreichische Nobelpreisträgerin" hofiert wurde. Das Ganze dauerte, wie gesagt, fast zwei Stunden. Zum Ende zeigte er den Studenten zur Illustration der zuvor ausführlichst veranschaulichten, bigotten und ja letztlich die Meinungen der betroffenen Autoren nichts als bestätigenden Situation in Österreich das folgende Wahlplakat der berüchtigten Freiheitlichen Partei Österreichs:

Damit die Studenten den dort abgebildeten Text, welcher verschiedene missliebige österreichische Autoren anführte, auch verstanden, las er ihn noch einmal laut vor: "Lieben Sie Scholten, Jelinek, Häupl, Peymann, Pasterk... oder Kunst und Kultur?" Und gerade in dem Moment, als der arme Referent Luft holte, um eben diesen polemischen Text noch einmal zu erklären, zu erläutern und in seine in den vorangegangenen zwei Stunden erfolgten Ausführungen einzubetten, erschallte, all seinen Bemühungen zuvorkommend, laut und deutlich und wie aus einem Munde von den Studenten auf ihren Sitzbänken die nicht zu überhörende, ihm quasi in die Ohren gebrüllte Antwort auf die ja offensichtlich doch im Text gestellte Frage. Ohne zu zögern und mit der Gewissheit, weitere knapp 1,3 Milliarden hinter sich zu haben, riefen die im Hörsaal versammelten chinesischen Studenten ihm geschlossen und fröhlich zu: "Kunst und Kultur!!!"
Tja. Ich vermute, dass diese drei Beispiele bei euch allerhöchstens ein achselzuckendes "Na und?" hervorrufen. Während ich mich hier fast bepissen musste. Weil es eben doch alles ganz schön anders ist. Vielleicht auch die Sachen, die einen zum Lachen bringen. Das Achselzucken wäre dann also auch ein Zeichen für eine Art gescheiterter interkultureller Kommunikation. Aber damit muss man eben leben, gell?
Montag, 20. Oktober 2008
Popauptrolle
Sonntag, 12. Oktober 2008
Morgen ist heute gestern
Gestern war der 11. Oktober.
Vorgestern war der 10. Oktober.
Morgen ist der 13. Oktober.
Übermorgen ist der 14. Oktober."
"Heute ist Sonntag.
Gestern war Samstag.
Vorgestern war Freitag.
Morgen ist Montag.
Übermorgen ist Dienstag."
"Dieses Jahr ist 2008.
Letztes Jahr war 2007.
Vorletztes Jahr war 2006.
Nächstes Jahr ist 2009.
Übernächstes Jahr ist 2010."
So viel zu meiner ersten Chinesisch-Lektion in China.
Schöne Grüße vom sich warum er sich immer stundenlang auf seine eigenen Lektionen vorbereitet fragenden
R.
Dienstag, 7. Oktober 2008
Der beste Freund des Menschen ist die Schildkröte

Ganz richtig: "Mein Haustier geht mir am vom chinesischen Essen leicht verdickten Arsch vorbei", scheint dieses Foto auszudrücken.
Doch Vorsicht ist geboten, denn interkulturell toleranzversiert, wie wir doch hoffentlich alle sind, hüten wir uns selbstverständlich vor den üblichen Vorurteilen, welche die Wortkombination "Tiere - Chinesen - Essen" in uns Europoden auslöst.
So kamen beispielsweise die Studenten des Jahrgangs 2006 an der Universität Qingdao im vergangenen Semester auf die gar nicht ernährungsfiese, sondern schöne Idee, sich ein Haustier anzuschaffen. Dazu muss gesagt werden, dass die Deutschstudenten so ziemlich die einzigen an der ganzen Uni sind, die pro Jahrgang (und also pro Klasse) jeweils einen eigenen Klassenraum ganz für sich haben. Ein bisschen wie in der Schule also. Warum das wiederum so ist, das konnte ich bis heute nicht herausfinden, genausowenig übrigens wie den Grund für das besagte Haustieranschaffungsbedürfnis. Mein Lektoren-Vorgänger durfte somit eines Morgens, als er den Klassenraum 309 betrat, eine frisch erworbene Schildkröte (ja genau, so eine kleine grüne, mit rotem Wangenfleck) bestaunen, bewundern und möglicherweise sogar betätscheln. Wie er mir noch vor meinem Dienstantritt mitteilte, hatten die stolzen Studenten damals aber keine Ahnung, was (oder ob) so ein Tierchen fressen muss. Des Vorgängers Lektion an jenem Tag wurde dann erst mal dementsprechend ausgeweitet.
Umso erstaunter war ich selbst aber, als ich, vor einigen Wochen meine hiesige neue Arbeit aufnehmend, in dem dafür vorgesehenen Plastikbecken auf dem Fensterbrett nicht nur ein wenig Wasser, eine Plastiktreppe, eine Plastikinsel mit Plastikpalme und die dazugehörige Schildkröte fand, sondern: zwei Schildkröten. Irgendwer war nämlich auf den glorreichen Gedanken gekommen, dass auch Schildköten einsam sein können. Auf mein Drängen hin erhielten die Kröten dann auch endlich einen Namen, nämlich (nach einer allerdings eher unmotivierten Beratschlagung seitens der Studenten) Romeo und Julia. Vorige Woche hatte es sich dann aber entweder ausgeromeot oder ausgejuliat, so genau wusste das keiner. Jedenfalls dümpelt seither wieder nur noch eine rotwangenbefleckte Schildkröte in ihrem Eigenheim vor sich hin, welches im Betrachter das starke Bedürnis weckt, sie in Robinson Crusoe umzutaufen. Ihr Ex weilt derweil schon mal vorsorglich im Schildkrötenhimmel und hält vermutlich die Suppe warm.
Gestern nun kam ich in den gleichen Klassenraum und nahm einen ungewohnten, etwas dumpfen Geruch wahr. Die sofortige Inspektion meiner Achselhöhlen erbrachte jedoch kein Ergebnis. Zehn Minuten nach Unterrichtsbeginn hatten die Studenten, die sonst immer ganz brav und lieb an ihren Holztischchen kauern, immer noch nicht mit ihrem herzigen Kichern aufgehört. Zudem mischte sich unter das Kichern immer deutlicher ein Jaulen und Winseln. Die sofortige Inspektion meiner Unterhose erbrachte kein Ergebnis, wohl aber die anschließende Inspektion der Tasche eines in der letzten Reihe sitzenden Studenten. Dort heraus lugte eindeutig und zweifellos ein Hundebaby. Da das Hundebaby nicht aufhören wollte zu winseln, nahm der Student alsbald seine Tasche inklusive Inhalt und ging auf den gleich an das Klassenzimmer angrenzenden Austritt, wo das Hundebaby konsequent und unbeirrt weiter vor sich hin winselte, was dem Unterricht, da der Austritt vom Klassenzimmer aus einseh- und hörbar ist, irgendwie abträglich war, was wiederum mir jedoch gleichzeitig irgendwie am Arsch vorbeiging.
In der Pause besuchte ich den mittlerweile völlig durchgefrorenen Studenten in seinem Exil. Der Hund gehöre einer Freundin, die für eine Woche verreist sei, sagte er. Wie alt der Hund sei, fragte ich. Zwei Monate, so er. Da trinke der doch sicherlich gerne noch Milch, meinte ich. Nein, auf keinen Fall Milch, ich hätte doch sicher von dem aktuellen Milchskandal gehört, im Moment trinke niemand in China Milch. (Anscheinend noch nicht mal die Hunde.) Ja was der Hund denn dann fresse, fragte ich. Kekse, sagte er. Aha, sagte ich. Ob er sich vielleicht einen Stuhl von außen ans Fenster stellen könne, fragte er, damit er wenigstens ein bisschen vom Unterricht mitbekäme. Ob er bitte zusammen mit dem Hund wieder ins wenigstens halbwegs warme Klassenzimmer kommen könne, sagte ich, das Ganze gehe mir an Körperstellen vorbei, deren deutsche Übersetzung erst im kommenden Semester drankäme, sagte ich zwar nicht, dachte es aber.
Und so hat der Herr O. nun seine erste Unterrichtsstunde im Leben für zwanzig Studenten und einen die ganze Zeit in der Klasse herumtapsenden Hundewelpen gehalten. Und für die Schildkröte natürlich auch.
Montag, 29. September 2008
Marietta, nicht Mirko
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/535986?inPopup=true
beziehungsweise
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/535986
Bis demnächst!
R.
Mittwoch, 24. September 2008
50.000 minus 1
Von diesem Skandal erfährt Herr O. durch diverse Mails, die er von diversen, anscheinend mit Kindern gesegneten Kollegen hin- und hergeschickt bekommt, und vom Botschaftsarzt, von dem Herr O. zwar nicht weiß, ob er Kinder hat, aber zumindest mittlerweile sicher ist, dass er E-Mails verschicken kann. Was Herr O. aber erst durch deutsche Online-Medien erfährt, ist, dass nicht nur Milchpulver, sondern auch richtige, echte, weiße, flüssige Milch betroffen ist, und dass mindestens drei der in den Skandal verwickelten (sic!) Firmen durchaus namentlich benannt werden können.
Dies erfährt Herr O. beim Frühstück. Herr O. ist generell kein großer Frühstücker und hat es vielleicht unter anderem deswegen so lange in Italien ausgehalten. Trotzdem hat er sich im West-Supermarkt für teuer Geld ein schönes, körniges, frühstückiges Müsli gekauft und drückt sich das morgens trotz keines Hungers irgendwie rein. Mit Milch, versteht sich. Herr O. sitzt also mit seinem frisch gefüllten Müslischälchen morgens am Rechner und liest die Zahl 50.000 und drei Namen. Nun, das sollte dann doch mal kontrolliert werden, sagt sich der gewiefte Weltbürger. Die Namen der Firmen sind in dem Artikel allerdings alle auf Europäisch geschrieben. Herr O. holt seine vor einigen Tagen nach langer Suche (zumindest der kinderlose Chinese hat es nicht so mit Milchprodukten) endlich erworbenen und dementsprechend umfangreich gehorteten Milchverpackungen herbei - und versteht nichts. Weil er kein Chinesisch lesen kann. Und deswegen noch nicht einmal weiß, von welcher Firma seine Milchtüten stammen. Das ist ein Problem. Knifflig.
Für die dann anschließend doch erfolgte Lösung des Problems danken möchte ich ausdrücklich der Firma Google, die für ihre Webseite eine Bildsuchfunktion anbietet. Wenn man also auf Europäisch ein Wort eingibt, sagen wir mal den Namen einer chinesischen Milchproduktionsfirma, dann erscheinen, wenn man Glück hat, Fotos, auf denen Produkte dieser Firma abgebildet sind. Anschließend muss man dann nur noch gucken, ob es irgendwelche Übereinstimmungen der Schrift oder des Firmen-Logos mit dem höchstselbst erworbenen Produkt gibt.
Das neben mir stehende Müsli gefrühstückt hat dann übrigens statt mir am Ende der Recherche meine Toilette.
PS: Sollte diese Blogseite mir aufgrund möglichweise allzu oft vorkommender Schlüsselwörter (die mit M oder mit C oder 5 beginnen) in Zukunft nicht mehr zugänglich sein, dann verabschiede ich mich bereits jetzt hiermit von meinen geschätzten Lesern und Innen. Einen dritten Versuch, auf diesem Wege irgendwelche Informationen in die Außenwelt zu tragen, starte ich nämlich vermutlich nicht.
Beste Grüße,
Herr O.
Samstag, 20. September 2008
Ein ganz besonderer Saft
Nur für zwei Wochen im Jahr erwacht das "Beer City" genannte Dingsbums aus seinem Winter-, Frühlings-, Frühsommer- und Herbstschlaf und ist Austragungsort eines der meiner Meinung nach bemerkenswertesten Phänomene der gesamtchinesischen Ausgeh-Kultur. Normalerweise im Spätsommer, in diesem Jahr aber aufgrund der Olympischen Spiele auf Ende September verlegt, findet dort das "Qingdao Beer Festival" statt.
Qingdao ist, das dürfte den meisten bekannt sein, bekannt. Und zwar in erster Linie für seine Brauerei. Die Tsingtao-Brauerei wurde seinerzeit von den Deutschen (als Qingdao noch deutsch war - bitte bis zum nächsten Mal nachlesen und ein Referat darüber schreiben) gegründet. Heute ist es die größte Brauerei Chinas. Und wenn man so viel Geld hat beziehungsweise macht, dann kann man es sich offensichtlich auch leisten, ein sicherlich werweißwieviele Millionen Euro wertes Grundstück mitten in der Stadt einfach nur zwei Wochen im Jahr zu nutzen.
Das dahinterstehende Konzept ist einfach. Man nehme einen deutschen Jahrmarkt (Kirmes, Kermiss, Wiesn, Dom oder wie auch immer das noch heißen mag), außerdem ein deutsches Oktoberfest (sagen wir mal: das in München), und vor allem einen, oder besser gleich zigzehntausende Chinesen (es gibt ja genug davon), und zu guter Letzt sehr viel Bier, und biete besagten Chinesen das alles nicht als All-Inklusive-Flugpaket nach Good Old Europa, sondern mitten im Land der Mitte (sprich: am Gelben Meer).
Tataaa, fertig ist das Beer Festival.
Nun kann der Asiate ja angeblich (so ganz sicher bin ich mir da nicht mehr) wegen irgendwelcher genetischen Andersheiten nicht so viel Alkohol vertragen wie wir Europäer. Tatsache ist jedenfalls, dass bereits um 20 Uhr abends in einem der kleineren Bierzelte ein auf der Bühne stattfindender Wettbewerb einen doch erstaunlich großen Anklang beim Publikum fand. Bei dem Wettbewerb ging es darum, einen mir unverständlichen Satz möglichst oft hintereinander zu sagen, ohne Luft zu holen. Das hört sich dann so an:
Was bei solchen lustigen Kindergeburtstagsspielen aber natürlich ein bisschen fehlt, ist die knisternde erotische Spannung. Doch auch dafür sorgt der Veranstalter, in dem er anschließend zwei junge Chinesinnen in orientalisch anmutende Pluderhosen zwängt, sie mit goldenen Glitzer-Tops ausstattet und zu ihnen sagt: „Macht mal Bauchtanz.“ Worauf die eine (die Linke) entgegnet: „Wir können aber gar keinen Bauchtanz, wir können bloß so tun.“ Hierfür hat der Veranstalter nur ein müdes Lächeln und den Verweis auf gewisse genetische Andersheiten des Asiaten übrig. Die rechte Tänzerin hat sich bei diesem kurzen Dialog wohlweislich zurückgehalten, weil sie weiß, dass sie allerhöchstens so tun kann, als könne sie so tun.
Um 22 Uhr habe ich dann in einem anderen, größeren Bierzelt die vermutlich größte musikalische Supersause des gesamten Festivals hautnah und schweißnass miterlebt, aber leider versäumt, sie mit meiner bescheidenen Fotokamera aufzunehmen, sodass mir als Beweisstück nur die Dokumentation des letzten Musikstückes bleibt, des Rausschmeißers sozusagen, was aber hoffentlich trotzdem einen kleinen Eindruck davon vermitteln kann, zu was die Chinesen bereit und in der Lage sind, wenn zuvor nur genug (deutsches?) Bier durch ihre sangeslustigen Kehlen geflossen ist.
Betrunkene Grüße,
Herr O.
Donnerstag, 18. September 2008
Einführung in die Logik
Herr O.: Guten Tag, ich möchte gerne Briefmarken kaufen, einmal für diesen Brief hier, der geht nach Peking, und dann noch für diese Postkarte, die geht nach Deutschland.
Dicke Postfrau: Das geht nicht.
Herr O.: Wieso nicht.
Dicke Postfrau: Weil die Adresse auf dem Brief nicht in chinesischen Zeichen geschrieben ist.
Herr O.: Aber das ist die Adresse auf der Postkarte ja auch nicht.
Dicke Postfrau: Die Postkarte ist ja auch kein Problem.
Herr O.: Aber wo ist denn dann das Problem.
Dicke Postfrau: Der chinesische Postbote kann die europäische Schrift nicht lesen.
Herr O.: Aber um die Postkarte nach Deutschland zu verschicken, muss doch auch irgendjemand bei der chinesischen Post die Adresse lesen können.
Dicke Postfrau: Ja, aber bei dem Brief geht das nicht.
Herr O.: Aber ich habe auch schon oft Briefe von Deutschland aus nach Peking geschickt, immer in europäischer Schrift adressiert, und die sind alle angekommen.
Dicke Postfrau: Ja, von Deutschland aus, das schon.
Herr O.: Ja.
Dicke Postfrau: Aber innerhalb Chinas geht das nicht.
Herr O.: Aber auf den Briefen, die ich aus Deutschland geschickt habe, musste dann der Pekinger Postbote die Adressen doch auch immer lesen, und er hat es immer geschafft.
Dicke Postfrau: Ja, in Peking, aber nicht in Qingdao.
Herr O.: Aber ich habe doch zum Beispiel auch in Qingdao schon Post aus Deutschland bekommen, die war auch nicht auf Chinesisch, sondern in europäischer Schrift adressiert, und ist trotzdem bei mir angekommen.
Dicke Postfrau: Ja, von Deutschland aus schon, aber nicht innerhalb Chinas.
Herr O.: Also, nur noch mal zum besseren Verständnis: Sie können den Brief nicht nach Peking schicken, weil er nicht auf Chinesisch adressiert ist, aber die Postkarte nach Deutschland schon? Weil die Qingdaoer Postangestellten die europäische Schrift auf Postsendungen, die ins Ausland gehen, lesen können, aber nicht auf Postsendungen, die im Inland bleiben? Und weil der Pekinger Postbote wundersamerweise die europäische Schrift auch nur auf Briefen lesen kann, die aus dem Ausland kommen, aber nicht auf Briefen aus Qingdao?
Dicke Postfrau: Der Nächste!
Samstag, 13. September 2008
Das erste Mal
und stäbchent zwei der kleinen Racker aus den vor Gliederfüßern wimmelnden Tupperwaren und befördert sie in ein Glas mit einer durchsichtigen Flüssigkeit (Wasser?). Dort werden sie mit den Stäbchen gehörig durchgequirlt. Aber Skorpione gehören nun einmal zu den zähesten Spezies überhaupt, sie werden vermutlich auch den nächsten Atomkrieg überleben, und da macht ihnen so ein bisschen durchsichtige Flüssigkeit nicht viel aus, nein, sie wimmeln und schwänzeln weiter vor sich hin, dass es eine Freude ist. Darum werden sie danach stäbchentechnisch in ein anderes Glas befördert, ebenfalls mit einer durchsichtigen Flüssigkeit (Wasser?) gefüllt. Auch diesmal Quirlen inklusive. Jetzt riecht es aber plötzlich gehörig nach Alkohol. Trotzdem tummeln sich die Skorpione munter weiter und warten auf stechbares Material (Herr O.?). Nun zündet die Dame ein Flämmchen an ihrem Bunsenbrenner an, auf welchem ein Kochtopf steht, der Speiseöl enthält. Das Öl wurde 1956 zum letzten Mal gewechselt. Die beiden Stäbchen befördern die beiden Skorpione in das Öl. Es macht "Zisch", und dann ist erst mal Ruhe im Puff. Für eine Minute oder so bleiben die Vielbeiner in ihrem Bad. Zeit genug für einen ausnahmsweise halbwegs der englischen Sprache mächtigen Zuschauer, mich zu fragen, ob es das erste Mal sei, dass ich Skorpion esse. Ja, sage ich, es ist das erste Mal. Der Mann nickt und geht mit einem ziemlich asiatischen und also unergründlichen Lächeln ohne weiteren Kommentar seiner Wege. Die anderen Zuschauer vermehren sich jedoch sekündlich, denn schließlich stehen da ja schon andere und gucken, und wo welche stehen und gucken, da muss es doch wohl auch wirklich was zu gucken geben. Die Skorpione sind jetzt fertig, beschließt die Dame, und holt sie mit was wohl ja genau mit Stäbchen aus dem brutzelnden Öl. Das können die auf keinen Fall überlebt haben, sagt Herr O. gebetsmühlenartig zu sich selbst. Die Dame übergibt ihm grinsend zwei fertig zubereitete Skorpione. Die Zuschauer sind sehr gespannt. Herr O. nimmt einen frittierten Skorpion am Schwanz und steckt ihn sich in den Mund und isst ihn vollständig auf. Dann nimmt er den zweiten und verfährt nach dem gleichen Verfahren. Der Applaus der Zuschauer bleibt aus. Wahrscheinlich hatten sie etwas Spektakuläreres erwartet (nach außen gestülpten Schweinemagen oder ähnliches). Die Zuschauer haben genug gesehen und gehen weg. Herr O. hat genug gegessen, bezahlt 1 Yuan und geht auch weg. Skorpion schmeckt übrigens, falls es jemanden interessiert, nach nichts. Außer nach Öl von 1956.
Donnerstag, 11. September 2008
Geld macht krank
Eben diesen Überraschungseffekt hat man übrigens in China ständig, wenn man was kaufen will oder muss. Denn zum einen sind die Plastiktüten, die die Supermärkte oder Händler dem Kunden zum Transport des Erworbenen überlassen, zwar durchaus sicht-, aber leider nicht fühlbar und halten exakt bis zehn Meter hinter dem Ausgang des Geschäfts. Zum andern bekommt man ständig Geldscheine als Wechselgeld ausgehändigt, deren Wert augfrund ihrer nicht mehr vorhandenen Konsistenz nicht mehr messbar, geschweige denn lesbar ist. Dafür werden aber neue, frisch gebügelte, automatengezogene Scheine stets durch halbminütige Reiß-, Knick-, Durchguck- und Maschinendurchleuchtmethoden (in dieser Reihenfolge) von den Kassierern auf ihre Echtheit überprüft.
Außer im Bus vielleicht. Da kostet nämlich eine Fahrt schlicht und ergreifend 1 Yuan. Also umgerechnet 10 Cent. Neben dem Busfahrer (oder der Fahrerin) ist eine Box aufgehängt, mit einem Schlitz oben drin, und in diesen Schlitz wirft der Fahrgast, sofern er es geschafft hat, sich und seine anhängenden Körperteile irgendwie noch im allerletzten Moment in den völlig mit Chinesen (mit wem sonst) überfüllten Bus zu pressen, den entsprechenden Geldschein (jawohl, es gibt 10-Cent-Scheine) beziehungsweise, selten allerdings, die dazugehörige Münze. Ich möchte wirklich gerne wissen, wer diese Boxen am Abend leeren und den Inhalt sortieren und nachzählen muss. Für dieses Wissen würde ich sogar Geld bezahlen, sagen wir mal 1 Yuan. Und ich möchte wissen, wieviel echte Scheine dann wohl dabei sind - die nicht der doofen ehrlichen deutschen Langnase gehört haben. Denn interessieren tut das keinen, was man da reinwirft, Hauptsache es sieht irgendwie nach grünem Papier aus.
Ich könnte es momentan mit schön grün verrotzten Taschentüchern probieren. Seit zwei Tagen bin ich nämlich krank. Voll der Schleim im Kopf, ey. Aus interkulturellen Gründen halte ich mich trotzdem, so weit es geht, zurück, diesen Schleim auch öffentlich ins dafür vorgesehene Tuch zu befördern. Denn ich weiß, dass die Chinesen das ekelig finden, und dass ein gebildeter und wohlerzogener Chinese für so was auf die Toilette oder an sonst einen einsamen Ort geht. Ob ich selbst allerdings umgekehrt das allbekannte chinesische Rotzen und Ausspucken nicht nur auf der Straße, sondern auch in nicht ganz so teuren Restaurants, aus Taxis heraus etc. ganz doll dufte finde, das hat mich bisher wundersamerweise noch keiner gefragt. Aber angeblich ist das Rotzen sowieso im Vorfeld der Olympiade offiziell verboten worden, weil China "zivilisiert" erscheinen will. Was im Umkehrschluss die Frage aufkommen lassen könnte, ob China denn dann jahrtausendelang unzivilisiert war. Das jedoch ist mit einem klaren "Nein" zu beantworten.
Wie auch immer, heute bekam Herr O. seinen ersten Lohn, es war ein ganz schön dicker Klumpen Geld, oder um genau zu sein: 33 Hunderterscheine. Mit so einem Geldbündel in der Hand kommt man sich ganz schön mafiös, oder wenigstens doch ganz schön reich vor. Wieviel aber 100 Yuan umgerechnet sind, darüber schweigt der Gentleman, und der aufmerksame Leser kann es sich selbst an seinen 33 Fingern ausrechnen. Jedenfalls sind 33 bis 40 Hunderterscheine in China ein normales Universitäts-Dozenten-Gehalt. Und deswegen, krank oder hin, Schnupfen oder her, geht es dem Herrn O., allen Widrigkeiten zum Trotz, gut. Denn er bekommt ja noch was extra, vom DAAD, den Herr O. derzeit liebevoll Daaddy nennt. Und davon kann er sich schon mal ein paar Busfahrten und Medikamente leisten. Oder auch mal eine Flasche Bier. Eine Flasche Bier hat hier 0,6 Liter. Und kostet 3,50 Yuan (Tsingtao). Beziehungsweise 2 Yuan (Laoshan).
In diesem Sinne:
Prost bzw. Hust.
R.
Samstag, 6. September 2008
Acht Fach
Gruß, Ralfo
Freitag, 5. September 2008
Sehen und gesehen werden
- Eine Frau, die zur Hälfte (der oberen) in einem Mülleimer steckte.
- Eine Marktverkäuferin, die mir anbot, einen oder besser gleich mehrere ihrer in gleich drei Plastikschüsseln herumkrabbelnden Skorpione zu verspeisen. (Dankend abgelehnt. Später geärgert.)
- Ebenfalls auf dem Markt, ebenfalls zum Verzehr bestimmt: Lebende Schildkröten, tote Hühnerkrallen, Zucchini mit dem Durchmesser meines Oberschenkels.
- Sitzbänke am Straßenrand, in der Form von riesigen Bierflaschen. Vor der Tsingtao-Brauerei. Wo sonst.
- Eine Perkussionistin aus Shanghai, die auf eine Trommel trommelte, welche ungefähr so breit war wie die Perkussionistin hoch, und dabei aber trotzdem sehr elegant aussah und ziemlich sexy ins Publikum lächelte (also die Perkussionistin jetzt).
- Einen Fernseher im Bus, auf dem (wie immer immer immer) die Highlights der Olympischen Spiele flimmerten. Die Highlights bestehen immer ausschließlich aus chinesischen Goldmedaillen.
- Den felsigen Meeresgrund am "Strand Nr. 1", der bevölkert war von vermutlich Muscheln oder Krebse oder Meeresschnecken oder Krabben oder Algen oder mannshohe Zucchini suchenden Einheimischen (es herrschte Ebbe).
- Herbert von Karajan (na gut, nur auf einem Werbeplakat, aber trotzdem).
-Eine Gruppe von älteren Herrschaften auf einem nächtlich beleuchteten Platz beim gemeinsamen Einüben eines Fächertanzes.
- Eine Passantin, die ihren von ganz tief hinten unten hochgezogenen Rotzeballen dann leider nicht vollständig auf der Straße entsorgte, sondern einen nicht unbeträchtlichen Teil an ihrer Unterlippe hängen ließ (was aber im Grunde chinamäßig wohl nun echt nicht weiter erwähnenswert ist).
- Meinen Pillermann. (Was wiederum bedeutet, dass ich ob des leckeren Essens noch nicht so viel zugenommen habe wie mein Vorgänger. Bei ihm waren es in drei Jahren 25 Kilo).
Toll, was man alles sehen kann, wenn man freitags noch nicht unterrichten muss.
Weil nämlich die frisch angekommenen Erstsemester-Studenten in Qingdao nicht etwa anfangen zu studieren, wenn das Semester losgeht, nein nein, wo kämen wir denn da hin, sondern erst mal zwei Wochen lang marschieren und exerzieren üben dürfen.
Sodass also heute eine Auszeit für Herrn O. drin war.
Es grüßt eben jener.
Samstag, 30. August 2008
Nummer Sieben
Stattdessen sage ich euch, dass die DAAD-Kollegin, die an einer anderen Uni in Qingdao arbeitet, nach dem gemeinsamen Abendessen im Restaurant (man aß Dinge, deren Namen ich nicht kenne und die ich deshalb der Einfachheit halber mal als "sehr lecker" umschreibe) die grandiose Idee hatte, den Abend, bevor ich zur Schließungszeit (siehe Jugendherberge) wieder am Campustor sein musste, mit einer Fußmassage ausklingen zu lassen. Nun haben wir ja alle den Film "Pulp Fiction" rauf und runter und rüber gesehen und wissen, welche verfänglichen Konsequenzen eine Fußmassage haben kann. Ich muss aber gleich Entwarnung geben, denn es war nicht die Kollegin selbst, die mir besagte Massage zukommen ließ, sondern Nummer Sieben. Zumindest glaube ich das, denn ich hatte letztlich fast die komplette Zeit die Augen geschlossen, und zwar so voll genießerisch jetzt. Nummer Sieben war eine schlitzbeäugte Dame mit der entsprechenden Nummer am T-Shirt (die ich mir aber, wie gesagt, leider nicht gemerkt habe). Und während ich mich also mit der neben mir sitzenden und sich der gleichen, nur in ihrem Fall von einem schlitzbeäugten Herrn getätigten Behandlung unterziehenden Kollegin darüber austauschte, wie China denn so ist, wie China vielleicht mal sein könnte und wie China bestimmt nie werden wird, stellte Nummer Sieben erst mal meine Füße in einen Bottich, gefüllt mit warmem Wasser, welches wiederum gefüllt war mit Kräutern, und unten waren so Steine, an denen man sich wohlig die Fußsohlen reiben konnte. Toll, so eine Fußmassage, dachte ich, doch dann wurden die Füßchen fein abgetrocknet und der (un)angenehme Teil des Abends konnte beginnen. Herr O. steht aber ja bekanntlich darauf, wenn es ein bisschen wehtut (sonst wäre er ja wohl auch nicht nach China gegangen), und so war auch die anschließende halbe Stunde reichhaltigst mit Genuss behaftet. Im Übrigen hätte ich mich ohnehin nicht getraut, Schmerzen zu zeigen oder gar eine sanftere Gangart einzufordern, denn die Muckis, die Nummer Sieben an ihren Armen mit sich rumträgt, eignen sich sicher auch vorzüglich dazu, lange Nasen kurz zu hauen. Als aber nun die Füßchen wirklich und wahrhaftig ihr Tages-, wenn nicht Wochenpensum an Beknetung bekommen hatten, ging es doch tatsächlich auch noch an die Beinchen, an die Händchen, an die Ärmchen und an die Schülterchen, mit dem Höhepunkt, dass Nummer Sieben die Ellenbogen von Herrn O. von hinten fasste und ihm mit dem in den Rücken gestemmten Knie das Wirbelsäulchen rauf und runter und rüber fuhr. Und dabei hatte ich doch nur eine Fußmassage gebucht. Für 5 Euro die Stunde.
Das war das Schönste bisher.
China kann eben auch gut sein.
Danke, Nummer Sieben.
Freitag, 29. August 2008
Statt Karten
Auf vielfachen Wunsch eines einzelnen Lesers hier meine ersten wirren, willkürlichen und weißgottnichtguten Fotos - keine Sorge, das wird in Zukunft hoffentlich besser.
Der aufmerksame Betrachter kann jedoch schon erkennen, was den Tsingtauer momentan so umtreibt. Ich würde es mal mit den Begriffen "Olympia", "Uniformen", "Erste Internationalisierungsversuche" und "Am liebsten aber doch Qingdao" umschreiben.
In diesem Sinne,
beste Grüße vom Herrn O., der heute Vormittag die gesamte medizinische Untersuchung, welcher er sich bereits vor drei Wochen am Berliner Tropeninstitut unterzog, damit die dortige chinesische Botschaft ihm ein Visum ausstellte, noch einmal in identischer Form inklusive Röntgenaufnahme, Bluttests etc. absolvieren durfte, denn er hatte ja bloß das von besagter Botschaft bis aufs kleinste I-Tüpfelchen anerkannte Original des sogenannten Tropentauglichkeitszeugnisses dabei, und da ist es natürlich mehr als verständlich, wenn die örtlichen Behörden das wie gesagt von der chinesischen Botschaft bereits abgesegnete Gesundheitszeugnis schlicht nicht akzeptieren. Und stattdessen Herrn O. nicht nur Blut, sondern auch 35 Euro abnehmen.
Tschühüss!
Mittwoch, 27. August 2008
Angekommen
Da hatte mein Freund G. also Recht. Das Blog, das ich in Deutschland schon so schön mit allem Pi und Pa und Po eingerichtet hatte, lässt sich da, wo ich jetzt tatsächlich angekommen bin, nämlich bei den Chinösen, nicht öffnen. Aber mir ist natürlich klar, dass das ausschließlich zu meinem eigenen Schutz geschieht. Der Zweck heiligt die Mitte, sozusagen.
Doch sei's drum! Hell, wie Herr O. nun mal in seiner Birne ist, kreiert er flugs eine Updated Version, ein Second Life, ein Web 2.0.
Seit heute Nachmittag habe ich nämlich Internetz, obwohl das vom Großen Bruder (der heißt hier Herr Wang) eigentlich erst für kommende Woche vorgesehen war.
Zu viel mehr komme ich heute aber nicht. Schließlich ist es bei mir ja schon morgen, ihr Langschläfer bzw. -nasen!
Demnächst also hoffentlich vielleicht mal sehen mehr, für heute entlasse ich euch mit dem romantischen Blick aus meinem Fenster.
Auf bald,
Ralfo

