
Beim Korrekturlesen dämmert Herr O. langsam weg, es ist halt immer das Gleiche, immer wieder "Im Hintergrund des Bildes kann man die schöne Landschaft finden" oder "Ein wenig nach links schräg befindet sich die Flasche" oder "Das Glas würde wohl gerade gefüllt, denn dicke und weiße Bierblasen werden überlaufen".
Und gerade, als Herr O. sich wünscht, seine eigene Blase möge bitte baldmöglichst auch vom Bier überlaufen, merkt er doch ein wenig auf:
"Der Hintergrund des Bildes sieht aus, als wäre es in Brasilien fotografiert."
Oha, beziehungsweise Olé (oder wie auch immer das in Brasilien heißt), da sollte also nach Meinung der chinesischen Studentin von der Werbeindustrie im Namen des deutschen Bieres Hochverrat an der deutschen Landschaft begangen worden sein? Doch die Erläuterung folgt auf dem Fuße:
"Dieses Werbungsbild wird benutzt, um das 'Krombacher' zu propagieren. Trotzdem weckt das Bild gleichzeitig die Menschen den Dschungel zu schützen. Soviel ich weiß, dass der Dschungel auf der Welt täglich nach und nach weniger wird. Besonders in Brasilien brennen viele Bauer jetzt die Bäume, um die freie Felder zu bekommen, auf denen sie Gemüse und Getreide anbauen. Obwohl die Bauer damit vielleicht mehr als früher ernten können, brechen sie gleichzeitig die Regel der Natur. Und eines Tages in der Zukunft können sie wahrscheinlich zuletzt nichts mehr bekommen. Von diesem Bild wird man wahrscheinlich wieder für den Naturschutz begeistert und dabei kann man unbedingt mehr als früher gegen die Naturverschmutzung tun. Während des Verbrauchs des Biers denkt man auch mehr an die Natur. Wenn es auf der Welt immer mehr solche Werbung gäbe, die Warenwerbung mit Naturschutz verbindet, würde die Natur immer schöner. Und unser Leben würde auch immer besser!"
Und nun gehen dem Herrn O. viele Dinge gleichzeitig durch seinen ein wenig nach links schräg sich befindenden Kopf, die er sich auf seinen imaginären Notizzettel der zu erledigenden Dinge schreibt:
- Der Studentin eine richtig gute Note für ihre wunderschöne und sprachlich sehr gute Analyse geben.
- Der Studentin eine vielleicht doch nicht ganz so gute Note geben, weil die Werbung nun wirklich null mit Umweltschutz zu tun hat.
- Die Studentin fragen, ob sie sich vielleicht heimlich über die großangelegte Werbekampagne "Regenwald-Projekt" der Firma Krombacher informiert hat (Stichwort: Günther Jauch).
- Falls die Antwort auf diese Frage "Nein" lautet: Die Firma Krombacher anschreiben, ihr eine völlig neue Werbekampagne mit Auszügen aus Hausaufgaben von chinesischen Studenten anbieten. Stinkreich damit werden.
- Die Studentin fragen, ob ihrer Meinung nach Umweltschutz ein rein brasilianisches Problem ist.
- Die Studentin fragen, ob sie ernsthaft glaubt, dass Bierwerbung die Umwelt retten kann.
- Die Studentin vielleicht lieber doch nicht über den Zusammenhang zwischen Bierwerbung und Umweltschutz befragen (Stichwort: Günther Jauch).
- Die Studentin fragen, was sie selbst denn für den Umweltschutz tut. Bei der Einladung zum Kurs-Essen Ende letzten Jahres war sie schließlich schon nach einer halben Flasche Bier blau.
- Der Studentin sagen, dass sie ihren naiven Kulturoptimismus bitte mal kritisch hinterfragen soll.
- Der Studentin sagen, dass sie sich ihren naiven Kulturoptimismus bitte bewahren soll.
- Dem chinesischen Bildungsministerium mitteilen, dass sein Konzept, komplett gleichgeschaltete, mit blindem Vertrauen in jede Art von "Propagieren" ausgestattete, auch absurdeste Kausalverbindungen (beim Biertrinken denken wir an den Naturschutz) als völlig legitim erachtende Gaga-Wesen heranzuzüchten, in beeindruckender Art und Weise aufzugehen scheint.
- Vor dem Zustellen dieser Mitteilung One-Way-Flug nach Europa buchen.
- Diese Mitteilung nach Ankunft in Europa im gleichen Wortlaut der deutschen Werbeindustrie zukommen lassen.
- Die andere Studentin nicht mit Lob zu bedenken vergessen, welche zum gleichen Bild schrieb: "Ich glaube, das ist ein schönes Anzeigenbild und hat bestimmt gute Wirkung. Ich erinnere mich daran, dass ich beim Bierfest letztes Jahres schon mal das Bier probiert habe. Aber den Geschmack habe ich vergessen. Schade!"


