Mittwoch, 25. März 2009

Saufen für den Umweltschutz

Ein normaler doofer Mittwoch, Herr O. macht Übungen zum "Texte verfassen" mit den Studenten des 2. Studienjahres. Er kontrolliert die Hausaufgabe, welche aus einer Bildbeschreibung bestand. Bildbeschreibung ist Pflicht, das muss man machen, das müssen die können. Um sich selbst den harten Uni-Alltag etwas angenehmer zu gestalten, wählte Herr O. in der vergangenen Woche als zu beschreibendes Motiv die folgende, dem deutschen Betrachter zur Genüge bekannte Werbung aus:



Beim Korrekturlesen dämmert Herr O. langsam weg, es ist halt immer das Gleiche, immer wieder "Im Hintergrund des Bildes kann man die schöne Landschaft finden" oder "Ein wenig nach links schräg befindet sich die Flasche" oder "Das Glas würde wohl gerade gefüllt, denn dicke und weiße Bierblasen werden überlaufen".

Und gerade, als Herr O. sich wünscht, seine eigene Blase möge bitte baldmöglichst auch vom Bier überlaufen, merkt er doch ein wenig auf:
"Der Hintergrund des Bildes sieht aus, als wäre es in Brasilien fotografiert."
Oha, beziehungsweise Olé (oder wie auch immer das in Brasilien heißt), da sollte also nach Meinung der chinesischen Studentin von der Werbeindustrie im Namen des deutschen Bieres Hochverrat an der deutschen Landschaft begangen worden sein? Doch die Erläuterung folgt auf dem Fuße:

"Dieses Werbungsbild wird benutzt, um das 'Krombacher' zu propagieren. Trotzdem weckt das Bild gleichzeitig die Menschen den Dschungel zu schützen. Soviel ich weiß, dass der Dschungel auf der Welt täglich nach und nach weniger wird. Besonders in Brasilien brennen viele Bauer jetzt die Bäume, um die freie Felder zu bekommen, auf denen sie Gemüse und Getreide anbauen. Obwohl die Bauer damit vielleicht mehr als früher ernten können, brechen sie gleichzeitig die Regel der Natur. Und eines Tages in der Zukunft können sie wahrscheinlich zuletzt nichts mehr bekommen. Von diesem Bild wird man wahrscheinlich wieder für den Naturschutz begeistert und dabei kann man unbedingt mehr als früher gegen die Naturverschmutzung tun. Während des Verbrauchs des Biers denkt man auch mehr an die Natur. Wenn es auf der Welt immer mehr solche Werbung gäbe, die Warenwerbung mit Naturschutz verbindet, würde die Natur immer schöner. Und unser Leben würde auch immer besser!"

Und nun gehen dem Herrn O. viele Dinge gleichzeitig durch seinen ein wenig nach links schräg sich befindenden Kopf, die er sich auf seinen imaginären Notizzettel der zu erledigenden Dinge schreibt:

- Der Studentin eine richtig gute Note für ihre wunderschöne und sprachlich sehr gute Analyse geben.
- Der Studentin eine vielleicht doch nicht ganz so gute Note geben, weil die Werbung nun wirklich null mit Umweltschutz zu tun hat.
- Die Studentin fragen, ob sie sich vielleicht heimlich über die großangelegte Werbekampagne "Regenwald-Projekt" der Firma Krombacher informiert hat (Stichwort: Günther Jauch).
- Falls die Antwort auf diese Frage "Nein" lautet: Die Firma Krombacher anschreiben, ihr eine völlig neue Werbekampagne mit Auszügen aus Hausaufgaben von chinesischen Studenten anbieten. Stinkreich damit werden.
- Die Studentin fragen, ob ihrer Meinung nach Umweltschutz ein rein brasilianisches Problem ist.
- Die Studentin fragen, ob sie ernsthaft glaubt, dass Bierwerbung die Umwelt retten kann.
- Die Studentin vielleicht lieber doch nicht über den Zusammenhang zwischen Bierwerbung und Umweltschutz befragen (Stichwort: Günther Jauch).
- Die Studentin fragen, was sie selbst denn für den Umweltschutz tut. Bei der Einladung zum Kurs-Essen Ende letzten Jahres war sie schließlich schon nach einer halben Flasche Bier blau.
- Der Studentin sagen, dass sie ihren naiven Kulturoptimismus bitte mal kritisch hinterfragen soll.
- Der Studentin sagen, dass sie sich ihren naiven Kulturoptimismus bitte bewahren soll.
- Dem chinesischen Bildungsministerium mitteilen, dass sein Konzept, komplett gleichgeschaltete, mit blindem Vertrauen in jede Art von "Propagieren" ausgestattete, auch absurdeste Kausalverbindungen (beim Biertrinken denken wir an den Naturschutz) als völlig legitim erachtende Gaga-Wesen heranzuzüchten, in beeindruckender Art und Weise aufzugehen scheint.
- Vor dem Zustellen dieser Mitteilung One-Way-Flug nach Europa buchen.
- Diese Mitteilung nach Ankunft in Europa im gleichen Wortlaut der deutschen Werbeindustrie zukommen lassen.
- Die andere Studentin nicht mit Lob zu bedenken vergessen, welche zum gleichen Bild schrieb: "Ich glaube, das ist ein schönes Anzeigenbild und hat bestimmt gute Wirkung. Ich erinnere mich daran, dass ich beim Bierfest letztes Jahres schon mal das Bier probiert habe. Aber den Geschmack habe ich vergessen. Schade!"

Dienstag, 24. März 2009

Schöner Wohnen

Dass die Vase der großen Zimmerpflanze, die Herr O. sich jüngst zum Einzug kaufte, unten drunter anscheinend ein ziemlich großes Loch hat, sieht man, wenn man draufklickt (und zwar nicht auf die Vase, sondern aufs Foto) am daneben (also nicht neben dem Foto, sondern neben der Vase) stehenden Wischmopp samt Eimer und am säuberlich unter der Vase verstauten Handtuch.



Dass Herr O. jetzt in China wohnt, sieht man nicht nur am ebenfalls jüngst zum Einzug gekauften Bonsai auf dem Fensterbrett, sondern auch und vor allem am aus einer original chinesischen Nationalflagge selbstgenähten Bettzeug.



Dass Herr O. jetzt anscheinend endgültig unter die Erwachsenen gegangen ist, sieht man an den Fotos. Zumindest an den ersten beiden.



Dass Herr O. sich stets bemüht, seine Versprechen (zum Beispiel bezüglich der Illustration der neuen Wohnung) einzuhalten, sieht man an der Tatsache, dass man die Fotos überhaupt sieht.
Und Beethoven sieht man sogar auch!
Und der war ja wohl erwachsen!

Montag, 23. März 2009

1 minute, 29 seconds

Bekanntlich essen die Chinesen alles, was schwimmt, außer Schiffe, und alles, was fliegt, außer Flugzeuge, und alles, was vier Beine hat, außer Tische. So oder so ähnlich lautet jedenfalls angeblich ein hiesiges Sprichwort. Aber wer weiß das schon, außer den Chinesen selber. Und die kümmern sich nicht sonderlich darum, einer Langnase ihre Sprichwörter zu erläutern. Stattdessen versuchen sie erfolgreich, die Grenzen ihrer kulinarischen annähernden Grenzenlosigkeit zu erweitern, zum Beispiel auf alles, was kriecht, außer Arsch. Wer allerdings hierbei auch noch einen Wettbewerb gewinnen will, der muss sich bei einer Konkurrenz von 1,3 Milliarden in punkto Geschwindigkeit und Zubereitungsweise halt etwas einfallen lassen.
Ich verdanke dieses kleine Video meinem vegetarischen Freund G., dem ich an dieser Stelle ganz herzlich dafür... buuuäääächch!!!


Mittwoch, 11. März 2009

Don't angry!

Meine geschätzten Wesen.
Heute erzähle ich euch etwas über Lerneffekte.

Ich kam des Nachmittags vom Unterricht und ging fürbaß. Und nichts zu suchen war mein Sinn. Beziehungsweise doch, ich wollte Geld abheben. Aber die Lage des ATM musste ich nicht investigieren, da ich wusste, wo er sich befund, nämlich auf dem Uni-Campus. Bereits gestern war ich zum gleichen Behufe den gleichen Weg gegangen, doch just vor der Pforte der Niederlassung des Zinswucherers war ich zweier uniformierter und beknüppelter Gestalten im Inneren des Gehäuses gewahr geworden, derer eine auf meine fragenden Gesten die eine Hand mit sämtlichen gespreizten Fingern hob und mit der anderen Hand lediglich den Zeigefinger sehen ließ, was wiederum ich wohlgemut so deutete, dass ich noch sechs Minuten zu warten hätte, bis ich glücklich in den Besitz des verfestigten Zustands eines Teils meines virtuellen Geldbestandes kommen sollte, während drinnen die größtenteils für die hiesigen Studenten vorgesehenen Geldbestände einer gründlichen Auffrischungskur unterzogen wurden. Nach einer halben Stunde vergeblichen Wartens gab ich dann aber mein Vorhaben auf - um heute einen neuen Versuch, ohne diese gespreizte Germanistenkacke, zu wagen.

Heute ging ich also wieder zum Geldautomaten, der diesmal ohne Wachmänner auskam. Ich schob meine Kreditkarte ein, wie ich es in den letzen Monaten schon oft getan hatte, und wollte meine Geheimzahl eingeben. Ich gab die Geheimzahl auch ein, jedenfalls drückte ich die Zahlentasten, aber nichts passierte. Oh, dachte ich. Dann drückte ich die Taste "Cancel". Der Effekt war der gleiche. Nämlich keiner. Dann drückte ich alle anderen Tasten, in allen mir möglichen Kombinationen. Nichts. Nur meine Karte, die war noch drinnen. Qingdao, wir haben ein Problem. (Houston ist hier sehr weit weg.) Sofort ging mein Blutdruck gefühlte 180 Grad nach oben. Fuck, fuck, fuckfuckfuck. Jetzt stehe ich hier in China, spreche kein Chinesisch, und meine Kreditkarte, meine neben dem Internet wichtigste Verbindung zur "normalen" Welt, hat der Chinese einfach geschluckt. Der Chinese, dieses Superarschloch. Dieser kleine, fettelige, keiner Fremdsprache mächtige, selbstgefällige, blöde Dauersack. Ich kann ihn förmlich sehen, wie er da in dem Automaten drin hockt, meine Kreditkarte in der Hand, oder vermutlich im von kariösen, wild in der Gegend herumstehenden Zähnen starrenden und nach Mittagessen von vorgestern stinkenden Mund, aus dem sich ein riesiger Rotzeballen bereits seinen Weg bahnt...
Ja, so was denkt der Herr O. bisweilen über seine Gastgeber.

Wie auch immer, jedenfalls musste, wenn schon keine Lösung, so doch eine Aktion her. Ich rief also, weil glücklicherweise in englischer Sprache über dem Automaten eine Notfallnummer angepriesen wurde, eben jene Nummer per glücklicherweise vorhandenem Handy an. Unglücklicherweise meldete sich eine chinesische Dame, deren Englischkenntnisse denjenigen von mindestens 99,9 Prozent der 1,3 Milliarden Chinesen exakt entsprachen, und sie legte dementsprechend ziemlich bald auf.
Entnervt bat ich eine am zweiten ATM neben mir stehende chinesische Studentin um Hilfe. Sie verstand zumindest mein Problem. Kein Wunder, denn allein der Ton, in dem ich ihr meine Bredouille klarzumachen versuchte, dürfte vermutlich in nur äußerst wenigen Kulturen auf diesem Planeten als Liebeserklärung missverstanden werden. Der erste Satz, den sie zu mir sagte, war: "Don't angry!"
Ich versuchte, dies zu beherzigen, wählte also die Nummer noch einmal, und die Studentin sprach auf Chinesisch mit der gleichen Dame am anderen Ende der Leitung. Dann legte sie auf und versuchte mir das Ergebnis des Telefonats in gebrochenem Englisch mitzuteilen. Während des Gesprächs merkte ich, dass am Bildschirm meines Geldautomaten eine Art Countdown lief, der sekundenweise von 500 rückwärts lief. Dann klingelte mein Handy, und "dran" war eine andere chinesische Bankangestellte, die in perfektem Englisch nach meinen Problemen fragte. Die Probleme waren aber nicht mehr vorhanden, denn der Geldautomat hatte unterdessen nach Ablauf der 500 Sekunden (bis zur Ewigkeit) ganz brav meine Karte ausgespuckt und sich dann mit der Bildschirmanzeige "out of service" ins Nirvana verabschiedet.
Ich reichte dann der Studentin mein Handy, damit sie mit der zweisprachigen Bank-Dame reden konnte, denn mittlerweile hatte ich gemerkt, dass nicht nur meine, sondern auch die Karte der Studentin am ATM nebenan geschluckt worden war, allerdings in ihrem Fall leider ohne jeglichen Countdown. Ohne Karte, aber auch ohne geschwollene Halsschlagadern stand sie also da und bemühte sich um Instruktionen für die Lösung des Problems, das nicht mehr meines war, denn ich hatte ja meine Karte wieder. Soweit ich verstand, sagte man ihr, sie müsse zur Bankzentrale in der Innenstadt fahren, während ihre Freundin am Automaten zu warten hatte, denn schließlich war ja ihre Karte da drin verschwunden. Kein Schreien, kein Fluchen, kein Irgendwas. Ich ließ die beiden dann in dem kleinen Raum zurück, weil ich nichts mehr tun konnte - nicht ohne mich zu bedanken und für mein vorheriges Ungehaltensein zu entschuldigen, was sie vermutlich nur ansatzweise verstand, da ich größtenteils Englisch sprechen musste.

Tja, warum erzähle ich das alles so ausführlich? Ich wollte ja etwas über Lerneffekte sagen. Und als Europäer, besonders als Deutscher, pocht man eben auf sein Recht. Beziehungsweise man pocht erst mal. Und zwar möglichst laut, denn so geht es doch nun wirklich nicht. Und man malt sich die schlimmsten Szenarien aus: Dass man nun stundenlang vor dem Bankautomaten ausharren muss, weil die Karte da drin ist und man sich nicht entfernen kann. Und dass (typisch!) wieder mal keiner der Verantwortlichen auch nur ein Wort Englisch spricht. Und dass in den nächsten Minuten und Stunden Dinge passieren werden, die schlimmer sind als alles, was bisher passiert ist. Das kann ja auch durchaus passieren. Und es passiert auch. Aber nicht immer, und nicht notwendigerweise.
Und dann fragt sich der Deutsche (ich) in China irgendwann: "Mann, warum bin ich so? Lerne ich denn nichts dazu? Nach so vielen Jahren? Keine Gelassenheit, nirgends? Schon gar keine asiatische?" Damit will ich nicht sagen, dass man alles akzeptieren muss. Oder dass man sich alles gefallen lassen muss. Aber manchmal geht mir meine "deutsche" Art echt auf die Nüsse.

Vielleicht muss ich es so formulieren:
Sind nicht vorhandene Lerneffekte denn am Ende nicht vielleicht auch welche?

Montag, 9. März 2009

Ausbruch aus der Anstalt

Zugegeben: Ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt...
Ach nein, das war ja wer anders.
Also noch mal. Zugegeben: Ich habe mich die letzten Wochen rar gemacht auf diesen Seiten. Das lag zum einen am Urlaub, und zum zweiten an einer sich leicht chaotisch gestaltet habenden Wohnungssuche, die nun ihr voräufiges Ende gefunden hat. Ich will euch gar nicht mit den nervenzerfetzenden Thriller-Details, nun ja, nerven. Das Resultat ist jedenfalls, dass ich seit dem Wochenende anscheinend Mieter einer Wohnung in Qingdao bin. Obwohl ich das ja eigentlich gar nicht darf, weil ich nämlich hier auf dem Campus zu wohnen habe, bitteschön. Wofür kaufen wir Chinesen denn sonst die ganzen schönen Überwachungskameras und bezahlen (zugegeben: wenig) Geld für Wachpersonal, das kontrolliert, ob Sie auch brav um 23.00 Uhr wieder im Wohnheim sind, Herr O.?
Darüber habe ich mich also nun in einer rechten Kamikaze-Aktion hinweggesetzt und kann nur hoffen, dass von Seiten meiner beiden Arbeitgeber nicht noch was Unerfreuliches nachkommt. Da ich aber die Campus-Wohnung auch weiterhin noch während der Woche teilweise nutzen werde, ist es vielleicht nicht so schlimm...
Wie auch immer: Die neue Wohnung ist groß und schön. Sie liegt leider etwas ab vom Schuss, keine Geschäfte oder gar Bars in der Nähe, sie liegt weiter von der Uni entfernt als ursprünglich geplant, sie ist einiges teurer als vorgesehen, und sie ist in einem sogenannten Compound, also auf einem eingezäunten Wohngelände, wo sich Fuchs und Expats gute Nacht sagen. Dafür aber keine 200 Meter vom Meer entfernt, so dass ich aus der Haustür rausjoggen kann und der salzige Geschmack am Mund dann nicht nur vom Schweiß kommt. Das Apartment ist möbliert, aber halt nur die Basics, was bedeutet, dass ich mir vom Bettzeug über Geschirr bis hin zur Nachttischlampe alles neu kaufen muss. Aber das kann ja auch Spaß machen.
Wann genau (und wie) ich mein ganzes Zeug da hin verfrachten werde, weiß ich selbst noch nicht, vielleicht am kommenden Wochenende. Übernachtet habe ich noch nicht da, aber bald, ganz bestimmt. Und sollte das irgendwie mit einer Internet-Leitung funktionieren, gibt's demnächst auch mal ein Foto, versprochen.
Für heute überlasse ich euch euren innenarchitektonischen Phantasien
und verbleibe auf immerdar
euer
Oskarchen