Montag, 29. September 2008

Marietta, nicht Mirko

Für alle, die es vor einigen Wochen verpasst haben: Im ZDF lief vor den Olympischen Spielen eine kleine Serie von Reportagen über China. Marietta Slomka war dabei unter anderem auch in Qingdao unterwegs. Sie hat hier einen recht interessanten Germanisten und Unternehmer interviewt, und natürlich bekommt man gleichzeitig auch einen optischen Eindruck von der Stadt - zumindest von dem vergleichsweise kleinen, alten Teil. Im Rest Qingdaos, also auch in "meinem" Viertel, sieht es dann doch meist etwas weniger beschaulich und anheimelnd aus. Aber das Gucken lohnt sich trotzdem, finde ich! Wenn ihr nicht direkt auf den Link klicken könnt, dann kopiert ihn einfach und fügt ihn in euer Browser-Fenster ein, wählt in der Mediathek eure Verbindung, dann sollte es hoffentlich funktionieren.

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/535986?inPopup=true

beziehungsweise

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/535986

Bis demnächst!

R.

Mittwoch, 24. September 2008

50.000 minus 1

50.000 Kinder sind in China in den aktuellen Milchskandal verwickelt. Also nicht verwickelt, aber daran beteiligt. Also nicht beteiligt, sondern eben erkrankt. Nicht am Milchskandal. An der Milch.
Von diesem Skandal erfährt Herr O. durch diverse Mails, die er von diversen, anscheinend mit Kindern gesegneten Kollegen hin- und hergeschickt bekommt, und vom Botschaftsarzt, von dem Herr O. zwar nicht weiß, ob er Kinder hat, aber zumindest mittlerweile sicher ist, dass er E-Mails verschicken kann. Was Herr O. aber erst durch deutsche Online-Medien erfährt, ist, dass nicht nur Milchpulver, sondern auch richtige, echte, weiße, flüssige Milch betroffen ist, und dass mindestens drei der in den Skandal verwickelten (sic!) Firmen durchaus namentlich benannt werden können.
Dies erfährt Herr O. beim Frühstück. Herr O. ist generell kein großer Frühstücker und hat es vielleicht unter anderem deswegen so lange in Italien ausgehalten. Trotzdem hat er sich im West-Supermarkt für teuer Geld ein schönes, körniges, frühstückiges Müsli gekauft und drückt sich das morgens trotz keines Hungers irgendwie rein. Mit Milch, versteht sich. Herr O. sitzt also mit seinem frisch gefüllten Müslischälchen morgens am Rechner und liest die Zahl 50.000 und drei Namen. Nun, das sollte dann doch mal kontrolliert werden, sagt sich der gewiefte Weltbürger. Die Namen der Firmen sind in dem Artikel allerdings alle auf Europäisch geschrieben. Herr O. holt seine vor einigen Tagen nach langer Suche (zumindest der kinderlose Chinese hat es nicht so mit Milchprodukten) endlich erworbenen und dementsprechend umfangreich gehorteten Milchverpackungen herbei - und versteht nichts. Weil er kein Chinesisch lesen kann. Und deswegen noch nicht einmal weiß, von welcher Firma seine Milchtüten stammen. Das ist ein Problem. Knifflig.

Für die dann anschließend doch erfolgte Lösung des Problems danken möchte ich ausdrücklich der Firma Google, die für ihre Webseite eine Bildsuchfunktion anbietet. Wenn man also auf Europäisch ein Wort eingibt, sagen wir mal den Namen einer chinesischen Milchproduktionsfirma, dann erscheinen, wenn man Glück hat, Fotos, auf denen Produkte dieser Firma abgebildet sind. Anschließend muss man dann nur noch gucken, ob es irgendwelche Übereinstimmungen der Schrift oder des Firmen-Logos mit dem höchstselbst erworbenen Produkt gibt.
Das neben mir stehende Müsli gefrühstückt hat dann übrigens statt mir am Ende der Recherche meine Toilette.

PS: Sollte diese Blogseite mir aufgrund möglichweise allzu oft vorkommender Schlüsselwörter (die mit M oder mit C oder 5 beginnen) in Zukunft nicht mehr zugänglich sein, dann verabschiede ich mich bereits jetzt hiermit von meinen geschätzten Lesern und Innen. Einen dritten Versuch, auf diesem Wege irgendwelche Informationen in die Außenwelt zu tragen, starte ich nämlich vermutlich nicht.

Beste Grüße,

Herr O.

Samstag, 20. September 2008

Ein ganz besonderer Saft

In Qingdao gibt es mitten in der Stadt ein Areal, das rundum eingezäunt ist. Seine Fläche dürfte geschätzte ein bis zwei Quadratkilometer betragen. Also ziemlich groß für ein Areal mitten in der Stadt. Man darf sich fragen, wieviel so ein Gebiet wohl wert ist. Das ist deswegen eine legitime Frage, weil auf dieser riesigen Fläche für elfeinhalb Monate im Jahr nichts passiert. Die schönen ein bis zwei Quadratkilometer sind nämlich einfach da und liegen so rum. Ungenutzt.
Nur für zwei Wochen im Jahr erwacht das "Beer City" genannte Dingsbums aus seinem Winter-, Frühlings-, Frühsommer- und Herbstschlaf und ist Austragungsort eines der meiner Meinung nach bemerkenswertesten Phänomene der gesamtchinesischen Ausgeh-Kultur. Normalerweise im Spätsommer, in diesem Jahr aber aufgrund der Olympischen Spiele auf Ende September verlegt, findet dort das "Qingdao Beer Festival" statt.
Qingdao ist, das dürfte den meisten bekannt sein, bekannt. Und zwar in erster Linie für seine Brauerei. Die Tsingtao-Brauerei wurde seinerzeit von den Deutschen (als Qingdao noch deutsch war - bitte bis zum nächsten Mal nachlesen und ein Referat darüber schreiben) gegründet. Heute ist es die größte Brauerei Chinas. Und wenn man so viel Geld hat beziehungsweise macht, dann kann man es sich offensichtlich auch leisten, ein sicherlich werweißwieviele Millionen Euro wertes Grundstück mitten in der Stadt einfach nur zwei Wochen im Jahr zu nutzen.
Das dahinterstehende Konzept ist einfach. Man nehme einen deutschen Jahrmarkt (Kirmes, Kermiss, Wiesn, Dom oder wie auch immer das noch heißen mag), außerdem ein deutsches Oktoberfest (sagen wir mal: das in München), und vor allem einen, oder besser gleich zigzehntausende Chinesen (es gibt ja genug davon), und zu guter Letzt sehr viel Bier, und biete besagten Chinesen das alles nicht als All-Inklusive-Flugpaket nach Good Old Europa, sondern mitten im Land der Mitte (sprich: am Gelben Meer).
Tataaa, fertig ist das Beer Festival.
Nun kann der Asiate ja angeblich (so ganz sicher bin ich mir da nicht mehr) wegen irgendwelcher genetischen Andersheiten nicht so viel Alkohol vertragen wie wir Europäer. Tatsache ist jedenfalls, dass bereits um 20 Uhr abends in einem der kleineren Bierzelte ein auf der Bühne stattfindender Wettbewerb einen doch erstaunlich großen Anklang beim Publikum fand. Bei dem Wettbewerb ging es darum, einen mir unverständlichen Satz möglichst oft hintereinander zu sagen, ohne Luft zu holen. Das hört sich dann so an:




Was bei solchen lustigen Kindergeburtstagsspielen aber natürlich ein bisschen fehlt, ist die knisternde erotische Spannung. Doch auch dafür sorgt der Veranstalter, in dem er anschließend zwei junge Chinesinnen in orientalisch anmutende Pluderhosen zwängt, sie mit goldenen Glitzer-Tops ausstattet und zu ihnen sagt: „Macht mal Bauchtanz.“ Worauf die eine (die Linke) entgegnet: „Wir können aber gar keinen Bauchtanz, wir können bloß so tun.“ Hierfür hat der Veranstalter nur ein müdes Lächeln und den Verweis auf gewisse genetische Andersheiten des Asiaten übrig. Die rechte Tänzerin hat sich bei diesem kurzen Dialog wohlweislich zurückgehalten, weil sie weiß, dass sie allerhöchstens so tun kann, als könne sie so tun.




Um 22 Uhr habe ich dann in einem anderen, größeren Bierzelt die vermutlich größte musikalische Supersause des gesamten Festivals hautnah und schweißnass miterlebt, aber leider versäumt, sie mit meiner bescheidenen Fotokamera aufzunehmen, sodass mir als Beweisstück nur die Dokumentation des letzten Musikstückes bleibt, des Rausschmeißers sozusagen, was aber hoffentlich trotzdem einen kleinen Eindruck davon vermitteln kann, zu was die Chinesen bereit und in der Lage sind, wenn zuvor nur genug (deutsches?) Bier durch ihre sangeslustigen Kehlen geflossen ist.




Betrunkene Grüße,

Herr O.

Donnerstag, 18. September 2008

Einführung in die Logik

Anbei erhält der geschätzte Leser das Transkript eines Dialogs, welchen ich heute unter Zuhilfenahme eines sich erstmalig im Dolmetschen übenden Studenten (den dann aber noch gleich zwei andere Studenten begleiten wollten bzw. vielleicht auch auf Weisung der Partei mussten) im Postamt führen durfte:

Herr O.: Guten Tag, ich möchte gerne Briefmarken kaufen, einmal für diesen Brief hier, der geht nach Peking, und dann noch für diese Postkarte, die geht nach Deutschland.
Dicke Postfrau: Das geht nicht.
Herr O.: Wieso nicht.
Dicke Postfrau: Weil die Adresse auf dem Brief nicht in chinesischen Zeichen geschrieben ist.
Herr O.: Aber das ist die Adresse auf der Postkarte ja auch nicht.
Dicke Postfrau: Die Postkarte ist ja auch kein Problem.
Herr O.: Aber wo ist denn dann das Problem.
Dicke Postfrau: Der chinesische Postbote kann die europäische Schrift nicht lesen.
Herr O.: Aber um die Postkarte nach Deutschland zu verschicken, muss doch auch irgendjemand bei der chinesischen Post die Adresse lesen können.
Dicke Postfrau: Ja, aber bei dem Brief geht das nicht.
Herr O.: Aber ich habe auch schon oft Briefe von Deutschland aus nach Peking geschickt, immer in europäischer Schrift adressiert, und die sind alle angekommen.
Dicke Postfrau: Ja, von Deutschland aus, das schon.
Herr O.: Ja.
Dicke Postfrau: Aber innerhalb Chinas geht das nicht.
Herr O.: Aber auf den Briefen, die ich aus Deutschland geschickt habe, musste dann der Pekinger Postbote die Adressen doch auch immer lesen, und er hat es immer geschafft.
Dicke Postfrau: Ja, in Peking, aber nicht in Qingdao.
Herr O.: Aber ich habe doch zum Beispiel auch in Qingdao schon Post aus Deutschland bekommen, die war auch nicht auf Chinesisch, sondern in europäischer Schrift adressiert, und ist trotzdem bei mir angekommen.
Dicke Postfrau: Ja, von Deutschland aus schon, aber nicht innerhalb Chinas.
Herr O.: Also, nur noch mal zum besseren Verständnis: Sie können den Brief nicht nach Peking schicken, weil er nicht auf Chinesisch adressiert ist, aber die Postkarte nach Deutschland schon? Weil die Qingdaoer Postangestellten die europäische Schrift auf Postsendungen, die ins Ausland gehen, lesen können, aber nicht auf Postsendungen, die im Inland bleiben? Und weil der Pekinger Postbote wundersamerweise die europäische Schrift auch nur auf Briefen lesen kann, die aus dem Ausland kommen, aber nicht auf Briefen aus Qingdao?
Dicke Postfrau: Der Nächste!

Samstag, 13. September 2008

Das erste Mal

Skorpion ist bekanntlich nicht nur ein Essen, das man sich auf dem Bürgersteig in hygienisch einwandfreier Form mal eben für den Nachhauseweg zubereiten lässt, sondern auch ein Sternzeichen. Beziehungsweise umgekehrt. Wenn eine Langnase einmal ihren inneren Schweinemagen überwindet und tatsächlich eine solche Mahlzeit auf besagtem Bürgersteig einnehmen will, dann tut der Chinese das, was er neben Rotzen und Mitdemhandytelefonieren nicht nur am liebsten tut, sondern auch am besten kann, nämlich anderen Leuten bei was auch immer zugucken. Es bildet sich also quasi aus dem Nichts eine entsprechende Menschentraube um Herrn O. herum, als er mit seiner Bitte, ihm doch ein oder zwei dieser possierlichen Tierchen mundgerecht zuzubereiten, an die dafür zuständige Dame herantritt beziehungsweise heranhockt. Die Dame tut wie ihr befohlen und stäbchent zwei der kleinen Racker aus den vor Gliederfüßern wimmelnden Tupperwaren und befördert sie in ein Glas mit einer durchsichtigen Flüssigkeit (Wasser?). Dort werden sie mit den Stäbchen gehörig durchgequirlt. Aber Skorpione gehören nun einmal zu den zähesten Spezies überhaupt, sie werden vermutlich auch den nächsten Atomkrieg überleben, und da macht ihnen so ein bisschen durchsichtige Flüssigkeit nicht viel aus, nein, sie wimmeln und schwänzeln weiter vor sich hin, dass es eine Freude ist. Darum werden sie danach stäbchentechnisch in ein anderes Glas befördert, ebenfalls mit einer durchsichtigen Flüssigkeit (Wasser?) gefüllt. Auch diesmal Quirlen inklusive. Jetzt riecht es aber plötzlich gehörig nach Alkohol. Trotzdem tummeln sich die Skorpione munter weiter und warten auf stechbares Material (Herr O.?). Nun zündet die Dame ein Flämmchen an ihrem Bunsenbrenner an, auf welchem ein Kochtopf steht, der Speiseöl enthält. Das Öl wurde 1956 zum letzten Mal gewechselt. Die beiden Stäbchen befördern die beiden Skorpione in das Öl. Es macht "Zisch", und dann ist erst mal Ruhe im Puff. Für eine Minute oder so bleiben die Vielbeiner in ihrem Bad. Zeit genug für einen ausnahmsweise halbwegs der englischen Sprache mächtigen Zuschauer, mich zu fragen, ob es das erste Mal sei, dass ich Skorpion esse. Ja, sage ich, es ist das erste Mal. Der Mann nickt und geht mit einem ziemlich asiatischen und also unergründlichen Lächeln ohne weiteren Kommentar seiner Wege. Die anderen Zuschauer vermehren sich jedoch sekündlich, denn schließlich stehen da ja schon andere und gucken, und wo welche stehen und gucken, da muss es doch wohl auch wirklich was zu gucken geben. Die Skorpione sind jetzt fertig, beschließt die Dame, und holt sie mit was wohl ja genau mit Stäbchen aus dem brutzelnden Öl. Das können die auf keinen Fall überlebt haben, sagt Herr O. gebetsmühlenartig zu sich selbst. Die Dame übergibt ihm grinsend zwei fertig zubereitete Skorpione. Die Zuschauer sind sehr gespannt. Herr O. nimmt einen frittierten Skorpion am Schwanz und steckt ihn sich in den Mund und isst ihn vollständig auf. Dann nimmt er den zweiten und verfährt nach dem gleichen Verfahren. Der Applaus der Zuschauer bleibt aus. Wahrscheinlich hatten sie etwas Spektakuläreres erwartet (nach außen gestülpten Schweinemagen oder ähnliches). Die Zuschauer haben genug gesehen und gehen weg. Herr O. hat genug gegessen, bezahlt 1 Yuan und geht auch weg. Skorpion schmeckt übrigens, falls es jemanden interessiert, nach nichts. Außer nach Öl von 1956.

Donnerstag, 11. September 2008

Geld macht krank

Heute hat Herr O. seinen ersten Monatslohn bekommen. Es war ein rosa Geldscheinbündel, das ihm zugesteckt wurde. Mit einer Quittung, die auf so dünnem Papier geschrieben war, dass sie bei der ersten Berührung zu Staub zerfiel.
Eben diesen Überraschungseffekt hat man übrigens in China ständig, wenn man was kaufen will oder muss. Denn zum einen sind die Plastiktüten, die die Supermärkte oder Händler dem Kunden zum Transport des Erworbenen überlassen, zwar durchaus sicht-, aber leider nicht fühlbar und halten exakt bis zehn Meter hinter dem Ausgang des Geschäfts. Zum andern bekommt man ständig Geldscheine als Wechselgeld ausgehändigt, deren Wert augfrund ihrer nicht mehr vorhandenen Konsistenz nicht mehr messbar, geschweige denn lesbar ist. Dafür werden aber neue, frisch gebügelte, automatengezogene Scheine stets durch halbminütige Reiß-, Knick-, Durchguck- und Maschinendurchleuchtmethoden (in dieser Reihenfolge) von den Kassierern auf ihre Echtheit überprüft.
Außer im Bus vielleicht. Da kostet nämlich eine Fahrt schlicht und ergreifend 1 Yuan. Also umgerechnet 10 Cent. Neben dem Busfahrer (oder der Fahrerin) ist eine Box aufgehängt, mit einem Schlitz oben drin, und in diesen Schlitz wirft der Fahrgast, sofern er es geschafft hat, sich und seine anhängenden Körperteile irgendwie noch im allerletzten Moment in den völlig mit Chinesen (mit wem sonst) überfüllten Bus zu pressen, den entsprechenden Geldschein (jawohl, es gibt 10-Cent-Scheine) beziehungsweise, selten allerdings, die dazugehörige Münze. Ich möchte wirklich gerne wissen, wer diese Boxen am Abend leeren und den Inhalt sortieren und nachzählen muss. Für dieses Wissen würde ich sogar Geld bezahlen, sagen wir mal 1 Yuan. Und ich möchte wissen, wieviel echte Scheine dann wohl dabei sind - die nicht der doofen ehrlichen deutschen Langnase gehört haben. Denn interessieren tut das keinen, was man da reinwirft, Hauptsache es sieht irgendwie nach grünem Papier aus.
Ich könnte es momentan mit schön grün verrotzten Taschentüchern probieren. Seit zwei Tagen bin ich nämlich krank. Voll der Schleim im Kopf, ey. Aus interkulturellen Gründen halte ich mich trotzdem, so weit es geht, zurück, diesen Schleim auch öffentlich ins dafür vorgesehene Tuch zu befördern. Denn ich weiß, dass die Chinesen das ekelig finden, und dass ein gebildeter und wohlerzogener Chinese für so was auf die Toilette oder an sonst einen einsamen Ort geht. Ob ich selbst allerdings umgekehrt das allbekannte chinesische Rotzen und Ausspucken nicht nur auf der Straße, sondern auch in nicht ganz so teuren Restaurants, aus Taxis heraus etc. ganz doll dufte finde, das hat mich bisher wundersamerweise noch keiner gefragt. Aber angeblich ist das Rotzen sowieso im Vorfeld der Olympiade offiziell verboten worden, weil China "zivilisiert" erscheinen will. Was im Umkehrschluss die Frage aufkommen lassen könnte, ob China denn dann jahrtausendelang unzivilisiert war. Das jedoch ist mit einem klaren "Nein" zu beantworten.
Wie auch immer, heute bekam Herr O. seinen ersten Lohn, es war ein ganz schön dicker Klumpen Geld, oder um genau zu sein: 33 Hunderterscheine. Mit so einem Geldbündel in der Hand kommt man sich ganz schön mafiös, oder wenigstens doch ganz schön reich vor. Wieviel aber 100 Yuan umgerechnet sind, darüber schweigt der Gentleman, und der aufmerksame Leser kann es sich selbst an seinen 33 Fingern ausrechnen. Jedenfalls sind 33 bis 40 Hunderterscheine in China ein normales Universitäts-Dozenten-Gehalt. Und deswegen, krank oder hin, Schnupfen oder her, geht es dem Herrn O., allen Widrigkeiten zum Trotz, gut. Denn er bekommt ja noch was extra, vom DAAD, den Herr O. derzeit liebevoll Daaddy nennt. Und davon kann er sich schon mal ein paar Busfahrten und Medikamente leisten. Oder auch mal eine Flasche Bier. Eine Flasche Bier hat hier 0,6 Liter. Und kostet 3,50 Yuan (Tsingtao). Beziehungsweise 2 Yuan (Laoshan).
In diesem Sinne:
Prost bzw. Hust.
R.

Samstag, 6. September 2008

Acht Fach

Und zum Beweis dafür, dass Herr O. nicht die ganze Zeit nur Mumpitz erzählt, hier der bereits erwähnte Fächertanz. Wer sich unwahrscheinlicherweise momentan in einer Lebensphase befindet, in der der Fächertanz nur eine marginale Rolle spielt, kann hier aber wenigstens lernen, wie man auf Chinesisch bis acht zählt.
Gruß, Ralfo

Freitag, 5. September 2008

Sehen und gesehen werden

Was ich heute alles sah:

- Eine Frau, die zur Hälfte (der oberen) in einem Mülleimer steckte.
- Eine Marktverkäuferin, die mir anbot, einen oder besser gleich mehrere ihrer in gleich drei Plastikschüsseln herumkrabbelnden Skorpione zu verspeisen. (Dankend abgelehnt. Später geärgert.)
- Ebenfalls auf dem Markt, ebenfalls zum Verzehr bestimmt: Lebende Schildkröten, tote Hühnerkrallen, Zucchini mit dem Durchmesser meines Oberschenkels.
- Sitzbänke am Straßenrand, in der Form von riesigen Bierflaschen. Vor der Tsingtao-Brauerei. Wo sonst.
- Eine Perkussionistin aus Shanghai, die auf eine Trommel trommelte, welche ungefähr so breit war wie die Perkussionistin hoch, und dabei aber trotzdem sehr elegant aussah und ziemlich sexy ins Publikum lächelte (also die Perkussionistin jetzt).
- Einen Fernseher im Bus, auf dem (wie immer immer immer) die Highlights der Olympischen Spiele flimmerten. Die Highlights bestehen immer ausschließlich aus chinesischen Goldmedaillen.
- Den felsigen Meeresgrund am "Strand Nr. 1", der bevölkert war von vermutlich Muscheln oder Krebse oder Meeresschnecken oder Krabben oder Algen oder mannshohe Zucchini suchenden Einheimischen (es herrschte Ebbe).
- Herbert von Karajan (na gut, nur auf einem Werbeplakat, aber trotzdem).
-Eine Gruppe von älteren Herrschaften auf einem nächtlich beleuchteten Platz beim gemeinsamen Einüben eines Fächertanzes.
- Eine Passantin, die ihren von ganz tief hinten unten hochgezogenen Rotzeballen dann leider nicht vollständig auf der Straße entsorgte, sondern einen nicht unbeträchtlichen Teil an ihrer Unterlippe hängen ließ (was aber im Grunde chinamäßig wohl nun echt nicht weiter erwähnenswert ist).
- Meinen Pillermann. (Was wiederum bedeutet, dass ich ob des leckeren Essens noch nicht so viel zugenommen habe wie mein Vorgänger. Bei ihm waren es in drei Jahren 25 Kilo).

Toll, was man alles sehen kann, wenn man freitags noch nicht unterrichten muss.
Weil nämlich die frisch angekommenen Erstsemester-Studenten in Qingdao nicht etwa anfangen zu studieren, wenn das Semester losgeht, nein nein, wo kämen wir denn da hin, sondern erst mal zwei Wochen lang marschieren und exerzieren üben dürfen.
Sodass also heute eine Auszeit für Herrn O. drin war.

Es grüßt eben jener.